Das Schauerfeld März 2018

„-:king!“

Arno Schmidt in Bargfeld  – Zettels Traum

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Das Schauerfeld in Bargfeld – Arno Schmidt in Bargfeld

Das lautmalerische „-:king!-“ zu Beginn des  1. Kapitels von „Zettels Traum“  beschreibt das Geräusch beim Loslassen des Stacheldrahts , als Dan Pagenstecher, Wilma und  Paul Jakobi mit Tochter  Franziska um vier Uhr in der Früh an einem Morgen des Jahres 1968  das Schauerfeld nahe Bargfeld in der Ostheide betreten. Wobei das „king“ auch den kleinen Zaunkönig assoziieren läßt, der hier ebenfalls beheimatet war.

Wohl die meisten Arno-Schmidt-Leser kennen das Schmidtsche Schauerfeld in Bargfeld , ohne es je gesehen zu haben.  Es ist ein mittlerweile herrlich verwildeter Landstrich von etwa neun mal fünfhundert Metern, unbewohnt und unbepflanzt. Birken wachsen schnell, bilden nur Flachwurzeln und werden im feuchten Boden nicht alt, verfallen wieder, faulen oder brechen. Im Unterholz Distelgewächse, dornenhaftes Gesträuch; im Sommer ohne eine Machete nicht zu durchdringen.

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Kraniche am Schauerfeld bei Bargfeld

Was Arno Schmidt bewogen hat, diesen  Strich Land zu erwerben?

Arno Schmidt hat das  Schauerfeld bei Bargfeld von Wilhelm Michels erworben, der ihm auch sein Wohnhaus 1958 in Bargfeld vermittelt hatte. Es gab ein gemeinsames abendliches Picknick am 12. April 1965  auf dem wilden Schauerfeld. Arno Schmidt hat es nach einer in Schlesien angesiedelten Rübezahl-Erzählung des Baron de la Motte  Fouque benannt ; er arbeitete jahrelang an der Recherche zu einer Biografie dieses seltsamen  „Romantikers“.

Schauerfeld: Hier hatte ich einmal mit ihm gesessen, vor drei oder vier Jahren, und er hatte gesagt: ‚Ich will das Stück so belassen, unbeschädigte Natur, wissen Sie, ein riesiges Rasenstück. Sie drüfen ruhig an Dürer dabei denken.‘ Und in der Tat, seit ihm das schmale Handtuch Land gehörte, hat es garantiert kein Mensch mehr betreten. Alles verwildert, eine ideale Vogelhecke.“ [Droege 22-23]

( Heinrich Droege: Begegnung mit Arno Schmidt erschienen im BrennGlas Verlag, 1985. )

„Zettels Traum“ beschreibt vierundzwanzig Stunden  eines Sommertages im Jahr 1968  auf dem  von Arno Schmidts sogenanntem „Schauerfeld“ bei Bargfeld in der Ostheide. Ein  etwas zu Recht  vergessener schlesischer Dichter merkwürdig  verstaubter Ritterromantik namens Baron de la Motte Fouqué hatte eine gleichnamige Erzählung verfasst, die von einem wundersamen Acker berichtet, auf welchem der Rübezahl Angst und Schrecken verbreitet.

Heinrich Heine reimte im Wintermärchen:

„Das ist so rittertümlich und mahnt an der Vorzeit holde Romantik. An die Burgfrau Johanna von Montfaucon, an den Freiherrn Fouqué , Uhland , Tieck“.

Bei Arno Schmidt jedoch ist Schluß mit Romantik, bei ihm wird das Schauerfeld sofort zu einem naturbelassenen Exerzierfeld für Sprachwitz, Wortspiele und mehr oder weniger ausgedehnte Streifzüge in den  Untiefen  eines Unbewußten, dessen sichtbare und unsichtbare Spuren es geradezu manisch zu verfolgen gilt. Wörter, Phoneme, Zeichen, Etyms, die wie das Kraut auf dem Schauerfeld sprießen , lassen  jedes Menschen Triebe  mit den  Höhen der fortwährend ohn Unterlass zitierten Literatur assoziieren.

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Der belesene und anscheinend alles-wissende Intellektuelle Dan Pagenstecher – ein alter ego des Autors Arno Schmidt –  veranstaltet einen 1334 Seiten langen Parforceritt durch  die Literatur  anlässlich eines Ganges durch das Schauerfeld, das nördlich des Dorfes Bargfeld ( Ödingen, Klappendorf, Schadingen etc. ) immer noch in schönster Wildheit und Waldeinsamkeit  existiert.

Zu Wort und zu Gehör kommen nicht unerwartet  : Edgar Allan Poe in bester Gesellschaft mit Siegmund Freud, wobei der geneigte Leser nicht mit allen Assoziationen des Autors einverstanden sein muss.  Verwundertes oder verärgertes Kopfschütteln  kommt vor, der Leser muss nicht jedem Schritt des großen Wortspielers sklavisch folgen.

So manche Gedankenspiele sind schlicht nicht für Jedermann nachvollziehbar, manches Statement  des Kopftieres Dan Pagenstecher  lässt sich nur kopfschüttelnd  zur Kenntnis nehmen. Macht nichts, tapfer sein, weiterlesen. Sprachwitz und der schmidttypische  bissige Humor garantieren immer auch intellektuelles Lesevergnügen;  wenngleich die spiessige Altherren-Erotik  ( „pornografisches Lachkabinett“ ) die Leserin  vermutlich nicht immer amüsieren wird…

Ein 18 Pfund schwerer Brocken , mehrspaltig gesetzt. Das Durchdringen dieses monströsen , wildwuchernden Wortdschungels erfordert mehr als eine Machete und es wird niemals, nirgends, nie alles gesagt und geschrieben sein zum Hauptwerk von Arno Schmidt.

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Bargfeld, seine Moore und Wälder, laden bei jeder Witterung zum Spaziergang ein, so werde ich hier in unregelmässigen Abänden neue  Bilder aus der Ostheide. einstellen.

Bargfeld Schauerfeld März 2018  / 2

Celle

Literatur

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