Arno Schmidt findet ein Buch

Manches zu Arno Schmidt

oder Arno Schmidt , alias Walter Eggers, findet Ernst Schulze in einer Bücherkiste

OLYMPUS DIGITAL CAMERADie Erstausgabe von 1956

Es bedurfte ja nicht erst der Sternwarte von Lilienthal, um über den Briefwechsel des Celler Romantikers Ernst Schulze mit dem Sohn des  Bremer Astronomen Wilhelm Heinrich  Olbers , den Bargfelder Schriftsteller Arno Schmidt mit dem Celler Dichter Ernst Schulze zu verlinken. Das hatte der Autor in seinem „historischen Roman aus dem Jahr 1954“  Das steinerne Herz schon höchstselbst vollbracht.

Arno-Schmidt-Leser werden es mir verzeihen, wenn ich  hier kurz darauf hinweise, dass Schmidt seinen Protagonisten Walter Eggers, einen heimatlosen, unbeweibten Nachkriegs-Odysseus auf literarischer und erotischer Spurensuche, bereits in seinem Roman Das steinerne Herz im Jahr 1954 in Ahlden an der Aller ein Buch des „jungen Wohlklang aus Celle“ , wie Goethe den damals recht populären Dichter etwas herablassend zu bezeichnen beliebte, erwähnen lässt.

Walter Eggers hat sich in Ahlden Haus No. 31 bei Frieda Thumann einquartiert. In seiner Dachkammer stöbert er herum und findet eine alte Bücherkiste voller vergessener Schätze, darunter auch den bereits erwähnten Ernst Schulze:

Eine Bibliothek um 1850, auch die hier war wieder so verrückt, wie man es nur in entlegenstem Privatbesitz antrifft!“ 

Walter Eggers findet darin alte Reisebeschreibungen und auch Bücher  von Walter Scott,  einige französische Romane und last but not least:

„ … natürlich auch Schulze aus Celle: ist auch bloß 28 geworden, der junge Wohlklang (und ich blätterte pietätvoll in der Cäcilia Tychsen: nichts für mich!).“

Andererseits waren sowohl Arno Schmidt als auch Ernst Schulze mit dem Baron de la  Motte Fouque verbunden. Ersterer hat ihn vermutlich schon als Jugendlicher gelesen, denn anders lässt sich seine jahrelange intensive Beschäftigung mit diesem wenngleich populären aber literarisch wenig bedeutenden Romantiker kaum begreifen, während der Celler Dichter Ernst Schulze sich mit Fouque eine Auszeichnung  in der „Literaturgeschichte der deutschen Sprach-, Dicht- und Redekunst“  von Dr. Hellmuth Winter im Jahr 1829 geteilt hat:

In der Klasse des romantischen Epos verdienen die Corona (1814) von de la Motte Fouque und die Cäcilie (1815) und die Bezauberte Rose (1817) den Preis…“.

Und im „Lehrbuch der Ästhetik als Kunstwissenschaft“ von Max Furtwängler heisst es zu Ernst Schulze und Fouque nochmals 1837:

Durch Lieblichkeit, Zartheit und harmonischen Versbau ist Ernst Schulze in seiner Cäcilie und der Bezauberten Rose. Auch ist zu erwähnen Fr. Baron de la Motte-Fouque für seine Corona, Fahrten des Thiodolfs..“

 

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Erstausgabe von 1822: Ernst Schulze – Cäcilie – Brockhaus Verlag

Der SPIEGEL schreibt zu Arno Schmidt am 13. Mai 1959. Hier zu lesen.

Ernst Schulze – Cäcilie :  http://www.gutenberg.spiegel.de/buch/cacilie-617/3

Die Biografische Vorrede von Friedrich Ludewig Bouterwek (1766 – 1828) ; zur „Cäcilie“ sollte den Lesern helfen;

 „… einen Dichter näher kennen zu lernen, dessen Name, wenn mich nicht Alles trügt, so lange mit Auszeichnung genannt werden wird, als unsre Sprache lebt.“

 

Einige ausgewählte Zitate aus der „Biographischen Vorrede“:

„Zu den Arbeiten, die seine Lehrer ihm aufgaben, mußte er angehalten werden. Er verschob sie gewöhnlich bis auf den letzten Augenblick, und that sie dann im Fluge ab. Aber zu drolligen Streichen und zu allen Arten von Leibesübungen war er immer bereit, und deswegen auch unter seinen Bekannten sehr beliebt. Wo die Flucht ergriffen werden mußte, war er unter den Fliehenden der letzte. Im väterlichen Hause ließ Jedermann seiner Herzensgüte Gerechtigkeit widerfahren; aber man versprach sich nicht viel von ihm, weil er zur Besorgung von Aufträgen nicht zu gebrauchen war, seine Bücher verlor, keine Art von Ordnung zu lieben schien. Seine Kleider waren in wenigen Tagen, nachdem sie neu gewesen, beschmuzt und zerrissen. Der Director von dem Gymnasium tröstete den besorgten Vater damit, daß es dem Knaben nur an Fleiße, nicht an Talenten, fehle.erinnert.“

………………..

„Seine Lieblingslectüre wurden Rittergeschichten und Feenmährchen. Ein ansehnlicher Vorrath solcher Bücher fand sich in einer alten Bibliothek auf einem Landgute  (Habighorst !) nicht weit von Celle. Ein Ritterzimmer in dem verfallenen Wohnhause war so ganz nach dem Geschmacke des jungen Dichters, daß er seinen Vater um Erlaubniß bat, dort bei der Pachterfamilie einige Zeit sich aufzuhalten. Unter diesen Umgebungen entwickelte sich seine Phantasie.“

 

Der Pachter äußerte die Besorgniß, der junge Mann scheine sich überzustudiren und tiefsinnig zu werden, aber er lobte doch die Hülfe, die ihm der fleißige Bücherleser als Dolmetscher und auf andere Art bei den Durchmärschen der Franzosen leistete, die im Jahre 1803 das hannöverische Land besetzten. Man liebte ihn als einen munteren und herzhaften Burschen. Von einer Reise in das Bad nach Rehburg ( dort lernte der den jungen Olbers kennen!), wo besonders die jungen Damen ihn sehr interessirt zu haben schienen, kam er noch heiterer zurück.“

……………..

„Aufmerksam wurde ich auf ihn zuerst, als er in einem Practicum, dessen Zweck war, den schriftlichen Styl der Theilnehmer zu bilden, durch Ausarbeitungen sich auszeichnete, in denen Gefühl und Phantasie so zart und so correct sich ausdrückten, wie es sich von einem jungen Mann von achtzehn Jahren kaum erwarten ließ. Das verdiente Lob, das ich ihm öffentlich ertheilte, veranlaßte ihn, nach einiger Zeit mich zu besuchen, um mir einige seiner Gedichte zur Beurtheilung vorzulegen. Es waren Sonette, Episteln und Elegien, mangelhaft von mehreren Seiten, aber an einigen Stellen unübertrefflich, und im Ganzen unbezweifelbare Beweise von wahrem Dichtertalent.“

…….

Heiter, wie sein Geist, waren alle seine Gedichte. Einer Schwermuth, wie diejenige, in die er nachher versunken war, als er seine Cäcilie schrieb, schien er in den ersten Jahre seines Aufenthalts zu Göttingen gar nicht fähig zu seyn. ……………. Ernsthafter und in sich gekehrter wurde er schon lange vorher, ehe er die Cäcilie gefunden hatte, die an Leib und Seele seinem Ideale von weiblicher Liebenswürdigkeit entsprach. Indem er bald hier, bald dort, sich näher anzuschließen strebte, war für ihn schon die Lebensperiode vorüber, von der er in einer seiner Elegien sagt:

Wahrlich ich habe gelebt! Nicht reut mich die fröhliche Wildheit.
»Fest an die feurige Brust drückt‘ ich das blühende Seyn,
»Küßte die scheidende Lust, und der nahenden lacht‘ ich entgegen,
»Und zur geliebtesten Braut ward die Minute mir stets.«

Die echte Romantik wußte er nach ihrem ganzen Werthe zu schätzen. Die Wiedererweckung der deutschen Poesie des Mittelalters freute ihn ungemein. Unter den englischen Dichtern waren ihm Shakspeare und Spencer die liebsten….“

„Cäcilie, die Tochter eines göttingischen Gelehrten, hatte alle Eigenschaften, die einen jungen Dichter von Ernst Schulzens Denk- und Sinnesart bezaubern mußten. In der vollen Blüthe der Jugend, reizend vor Vielen ihres Geschlechts, von zarter Sittsamkeit, empfänglich für alles Schöne, geistvoll, von hinreißender Lebendigkeit in ihrem ganzen Wesen, zeichnete sie sich auch durch ihren feinen Kunstsinn und ihre Talente aus. Im Zeichnen und Malen hatte sie es schon weit gebracht. Mit Fertigkeit und Ausdruck spielte sie das Clavier und die Harfe. Ihr und ihrer eben so liebenswürdigen Schwester Adelheid sich nähern zu dürfen, wurde des jungen Dichters höchstes Glück. „

„Aber die schöne Gegenwart, in der er sich so glücklich fühlte, dauerte nicht lange. Die reizende Cäcilie zog sich durch eine Erkältung eine Krankheit zu, die ihrem zarten Körper bald tödtlich zu werden drohte. Die Krankheit nagte beinahe ein Jahr an ihrem Leben. Während dieser Zeit erreichte Schulze’s Enthusiasmus für sie seine äußerste Höhe. Die Bewunderung der Seelengröße, die die Kranke bei ihrem Leiden zeigte, machte sie in seinen Augen schon vor ihrem Tode zu einer Heiligen. Sie starb, noch nicht völlig achtzehn Jahr alt.“

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Totenmaske der Cäcilie Tychsen (Foto: Universität Göttingen)

 

„Seit dem Tode Cäciliens ist keine dauernde Heiterkeit wieder in die Seele ihres Dichters gekommen. Aber ein Dichter blieb er auch im Gefühle des tiefsten Schmerzes. …… Sie zu verherrlichen durch ein Gedicht, auf das er alle geistigen Kräfte wenden wollte, die ihm die Natur verliehen hatte, sollte das größte Geschäft seines Lebens seyn. Er theilte mir seine kühne Idee mit, sobald sein Schmerz ihm erlaubte, davon zu reden.

…………………….

Aber er war auch nicht der Vorige mehr. Der Uebergang vom schwärmerischen Glücke zu einem Schmerze, von dem er sich bis dahin keine Vorstellung machen konnte, hatte allen seinen Gedanken eine andere Richtung gegeben. Das Liebliche, an dem seine Phantasie hing, kleidete sich in die Farben der Schwermuth.

………..

„Sprache und Styl unterwarf er der strengsten Kritik, um nöthige Aenderungen zu machen. Aber mit jedem Gesange wurde er immer mehr Meister der Form. In der Kunst der poetischen Beschreibung erreichte er bald die ersten Muster des Alterthums und der neueren Zeiten. Sein Widerwille gegen alles Gezierte und Manierirte war so groß, daß er auch jede Eigenthümlichkeit des Styls verschmähte, sobald ihm etwas Gesuchtes in ihr zu liegen schien.“

…………………

„Als die ersten Gesänge vollendet waren, bedauerte er sehr, daß er sich durch Wieland’s Beispiel zu den unregelmäßigen Stanzen habe verführen lassen, da ihm die Ausführung des ganzen Gedichts in echten Octaven nicht schwer gefallen seyn würde. Aber die vollendeten Gesänge durch Umarbeitung in regelmäßige Stanzen umzugießen, schien ihm eine frostige Künstelei. Er behielt also, wenn gleich ungern, die metrische Freiheit bei, die er sich einmal genommen hatte. Binnen einem Jahre war das Gedicht bis zum Schlusse des siebenten Gesanges vorgerückt. Nebenher waren ihm noch eine Menge kleinerer Gedichte aus der Feder geflossen.“

………………………..

„Die Cäcilie wurde mit dem zwanzigsten Gesange vollendet im December 1815. Das ganze Gedicht ist also in drei Jahren entstanden, von denen der Feldzug über sechs Monate weggenommen hat.“

…………

Schon sehr erschöpft, schrieb er noch das Gedichte Die bezauberte Rose, durch das er das Höchste leisten wollte, was er in der Kunst des Styls und des Versbaues vermöchte. Sobald es vollendet war, schickte er es anonymisch nach Leipzig zur Concurrenz (Brockhaus !) um den Preis, der auf die beste poetische Erzählung gesetzt war. Im Frühling 1817 wollte er die Reise nach Italien antreten. Wie alle Schwindsüchtigen, ahnete er nicht die Nähe seines Todes.“

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„Keine Pflege und keine ärztliche Hülfe konnte ihn retten. Als er den Preis für die bezauberte Rose erhielt, freuete er sich zwar, sagte aber dabei, daß er an dem Gedichte nichts als die Verse hübsch finde. Er starb in Celle am 26sten Juni 1817, im neun und zwanzigsten Jahre seines Alters. Was die an ihm verloren haben, die ihn näher kannten, kann ihnen die Ehre, die seinem poetischen Nachlasse zu Theil werden wird, nicht ersetzen.

Ernst Schulze war ein Mann von edler Seele, voll männlichen Selbstgefühls, aber nie sich selbst, am wenigsten seine Talente überschätzend, verschlossen, aber unverstellt, kein philosophischer Geist, aber wahr in seinem Innersten, ein Todfeind der Lüge, des Trugs, der Schmeichelei und der Zweideutigkeit im Reden und Handeln, freigesinnt und ohne Furcht, fest und treu in der Freundschaft, standhaft bis zum Eigensinn in seinen Entschlüssen und verständig in allen gewöhnlichen Verhältnissen des Lebens, sehr empfindlich gegen Beleidigungen, aber jede Rache in eigenen Angelegenheiten verachtend, überhaupt wenig besorgt um sich selbst, zu wenig um sein äußeres Glück, desto bereitwilliger zu Aufopferungen und Entbehrungen, wo es galt, ein Ziel zu erreichen, das ihm eines liberalen Mannes würdig schien. (Göttingen am 20sten März 1818.)

Ernst Schulze vertont von Franz Schubert auf CD:

Unter den von Franz Schubert vertonten Texten norddeutscher Dichter befinden sich einige seiner bedeutendsten und populärsten Lieder überhaupt, so etwa Der Wanderer (nach Georg Philipp Schmidt von Lübeck), Alinde (nach Johann Friedrich Rochlitz) oder Im Abendrot (nach Karl Gottlieb Lappe). Den größten Anteil dieser Kompositionen machen die Gedichte von Ernst Schulze aus, eines mit noch jüngeren Jahren als Schubert (er wurde nur 28) verstorbenen Dichters aus Celle. Schubert hat neun Gedichte von Schulze vertont, die – obwohl kein festgefügter Zyklus – doch wie ein Vorklang auf die spätere Winterreise wirken: allein vier erzählen von Wanderschaft und Reise, die meisten bieten poetische Naturschilderungen, alle singen von Liebe, Leid und Sehnsucht; das vielleicht schönste, Im Frühling, verklärt die Erinnerung an die Geliebte im Wunsch nach harmonischem Einklang mit der im Frühjahr wieder erwachenden Natur. Neben solch elegisch-idyllischen Träumereien oder resignativer Bitterkeit (An mein HerzKlagelied) bergen die Lieder aber auch dramatischen Impetus (Auf der Bruck), sogar aggressive Heftigkeit (Über Wildemann) und tief beklemmende Traurigkeit (Tiefes Leid).

ernst schulze-cd-schubert-konzerte-celle-cellensiaNAXOS-CD – 75min –  No 8.555780  – (cover: Naxos)

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Abbildungen: juergen muegge-luttermann

 

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