Ein Leben im Voraus

Der Celler Künstler Gert-Peter Reichert

Zu Arno Schmidt: „Ein Leben im Voraus“

 

Gert-Peter Reichert

(* 22. Juni 1955 in Brunsbüttel; † 31. Juli 2001 in Altea) war ein deutscher Maler und Grafiker.

Reichert, der zunächst beim Schiffsmeldedienst in Brunsbüttel arbeitete, erhielt die ersten Einführungen in die Radiertechnik von Jens Rusch. Reichert war Mitbegründer der Künstlerbundes Dithmarschen und des Kulturringes Brunsbüttel.

1980 gab er seinen Beruf auf, um eine Ausbildung in Malerei und Graphik bei Eberhard Schlotter in Altea/Alicante (Spanien) zu beginnen. 

Seit 1984 war Reichert freischaffend tätig als Maler und Graphiker. 1984/85 wohnte er in Essen, danach zog er nach Wienhausen bei Celle.

1989 erhielt er ein Arno-Schmidt-Stipendium für den Mühlenhof Cordingen.

1996 zog er nach Brieselang bei Berlin. Von 1996 bis 1999 lehrte er an der Musik- und Kunstschule Havelland, Nauen. Seit 2000 hielt er sich ständig in Altea/Alicante auf, wo er am 31. Juli 2001 verstarb.

Künstlerisches Werk

Das Werk Reicherts, besonders die graphischen Arbeiten, reflektieren die profunde Ausbildung in der Werkstatt Eberhard Schlotters. Reicherts Radierungen bezeugen sein umfassendes Repertoire (Kaltnadelradierung, Mezzotinto-, Vernis Mou- und Aquatinta-Ätzung) und sein Interesse am Experiment (Verätzungen). Er mischte Materialien und Techniken (colorierte Radierungen, Zeichnungen und Aquarell, Malerei und Zeichnung, Collagen u.s.w.). 

Der überwiegende Anteil seiner Arbeiten orientiert sich an der Realität, deformiert sie, hinterfragt ihr Erscheinungsbild. Autorenporträts und Einzelarbeiten sowie Mappen zu ihren Werken belegen das großes Interesse Reicherts an literarischen Themen. Viele seiner Stillleben und Landschaften erweitern den reinen Abbildungscharakter, werden zu Metaphern innerer Befindlichkeiten.

Ausstellungen und Ausstellungsbeteiligungen (Auswahl)

  • 1981 Galeria Dels Artistes, Altea
  • 1983 Galeria Rafael II, Altea
  • 1986 Kunstverein Hildesheim
  • 1988 Galerie 9, Celle (30 Zeichnungen zu „Warten auf Godot“), Abbildungen im Programmheft zur Theateraufführung.
  • 1989 Galerie im Forum, Bomlitz – Emschertal-Museum, Herne „Zeichenräume“, Jürgen Hauck, Peter Reichert, Michael Schuppan, Götz Spieß.
  • 1990 Galerie aviva, Essen
  • 1992 Buch & Kunst, Braunschweig; Synchro-Media, Schwalmstadt; Galerie 9, Celle („Das Panorama“ – 10 Radierungen)
  • 1993 Kunsthalle Darmstadt (Preisbewerber der Darmstädter Sezession 1993)[1]
  • 1994 Niedersächsische Landesbibliothek, Hannover; Kunst & Nutzen, Bremerhaven
  • 1997 Galerie Haus Gartenstrasse, Nauen; Galerie Zone F, Berlin (Wilmersdorf)
  • 1998 Museum, Nauen; Galerie PAINEN, Berlin; Galerie Zone F, Berlin / Universität Salzburg / ART McCANN, Frankfurt „100 Vorschläge zu Bertolt Brecht“; Gut Altenhof, Eckernförde „Kunst der Gegenwart im Kreis Havelland, 7 Künstler“ (Katalog)
  • 1999 „Fundacion Eberhard Schlotter“, Altea (Spanien)
  • 2011 „Fundacion Eberhard Schlotter“ Altea, Spanien
  • 2014 „Eberhard Schlotter-Stiftung“ im Bomann-Museum Celle (in Vorbereitung)[2]

Mappenwerke, Illustrationen und Veröffentlichungen

  • 1981 „un pequeño poema“, 10 Radierungen von Peter Reichert und Jens Rusch mit Gedichten von Luisa Muñoz.[3]
  • 1987 „Hermann Löns“, 6 Radierungen zur Person des Autors.[4]
  • 1988 „Warten auf Godot“, 30 Zeichnungen und 1 Radierung, entstanden während der Proben zu „Warten auf Godot“ von Samuel Beckett im Schloßtheater Celle (Abbildungen im Programmheft der Theateraufführung).
  • 1989 „Aus dem Leben eines Fauns“, Mappenwerk mit 20 Radierungen zu Arno Schmidts Kurzroman
  • 1990 „Stürenburg-Geschichten“, 9 Radierungen zu 9 Kurzgeschichten von Arno Schmidt
  • 1992 „Das Panorama“, Serie von 10 Landschafts-Radierungen.
  • 1992 „Nimm die Finger fort, mein Kind“, Zwei Radierungen zu Gedichten von Oskar Ansull.[5]
  • 1995 „Arno Schmidt“, 1914-1979, Bibliographie und audiovisuelle Zeugnisse zu Leben, Werk und Wirkung.[6]

Einzelnachweise

 

  • Abb. S. 72, in: „Stationen, Preisträger und Preisbewerber“, Ausst. Kat. der 28. Ausstellung der Darmstädter Sezession, 4. April bis 16. Mai 1993, Kunsthalle am Steubenplatz, Darmstadt
  • Zu Gast bei Eberhard Schlotter, 28.09.2014 bis 5.07.2015, Gert-Peter Reichert bomann-museum.de. Abgerufen am 30. August 2014.
  • Verlag Edicion Galeria Rafael, Altea / Spanien
  • Edition Galerie 9, Celle
  • Verlag Der Librist, Uetze-Dollbergen

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Gert Peter Reichert:  Ein Leben im Voraus – Kaltnadelradierung 1986

 

Würden die Menschen nicht besser werden, wenn sie nicht an die Unsterblichkeit glaubten?!“ 

fragt Arno Schmidt in seinem Roman Das steinerne Herz. Er zielt mit dieser Frage auf ein Thema, das ihn ein Leben lang beschäftigte: Als unsterblich, also „als immerfort mitlebend“, galten ihm allein die Schriftsteller, deren Literatur dem liebend lesenden Auge mühelos Brücken in abgesunkene Zeiten schlägt.

Jan Philipp Reemtsma hat für diesen Band aus dem umfangreichen Werk Arno Schmidts Texte ausgewählt, die erzählend oder essayistisch über den Nachruhm sinnieren und der Frage nach der Geschichtlichkeit allen Seins überraschende Pointen abgewinnen.

Die Erzählung „Ein Leben im Voraus“ ist enthalten u.a. in dem von Jan Philipp Reemtsma herausgegebenen Suhrkamp-Taschenbuch: „Über die Unsterblichkeit“.

Arno Schmidt: Der Vogelhändler von Imst

Ein Radioessay von Arno Schmidt über Karl Spindler

Und eine Uraufführung am Heide(n)-Spektakel 1986

 

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Bekanntermaßen musste sich Arno Schmidt in den  Fünfziger-  und Sechzigerjahren mit allerlei Brotarbeiten über Wasser halten. Dazu zählten auch unzählige Radioessays, die sein Schriftstellerkollege und Förderer Alfred Anders, seinerzeit Redakteur beim Süddeutschen Rundfunk, regelmässig beim Sender unterbringen konnte. Diese erhellenden „Nachtgespräche“, oft in Dialogform, stellen dem Hörer längst verstorbene und oft vergessene Dichter und Schriftsteller des 18. und 19. Jahrhunderts vor.

Mehr als drei Dutzend Dialoge und auch Streitgespräche über Gegenstände der Literatur sind in diesen für Schmidt entbehrungsreichen Jahren entstanden. Diese Dialoge – über Autoren wie Dickens, James Joyce oder die Schwestern Bronte, über deutsche Autoren wie Wieland, Moritz, Stifter oder eben auch Karl May. Vergessene Autoren wie Gustav Frenssen, Heinrich Albert Oppermann oder Karl Spindler wurden von Schmidt mit Nachdruck ins rechte Licht gesetzt und diese Radioessays erfreuen auch noch heute die Literaturfreunde mit ihren gewagten bis durchaus schrägen Statements, gefundenen und erfundenen Pointen und humoristischen Randnotizen – die Marotten und bizarren Vorlieben des Autors aus Bargfeld und schulmeisterhaftes Dozieren eingeschlossen.

 Es sind Texte eines kritischen Intellekts, der auch dialektisch sezieren kann und seine mitunter nervtötende Besserwisserei mit Humor zu entschärfen versteht. Damit wurde der Autor Schmidt für schlaflose Literaturfreunde zum Geheimtipp.

Schmidts Erzählungen und Romane  profitierten von diesen Essays und somit wurden sie langsam aber sicher einem ganz speziellen Publikum bekannt. Diese brillanten Textstücke sind eine Fundgrube für Literaturfreunde und unterhalten den interessierten Leser aufs allerfeinste. Der deutsche, in Breslau geborene Schriftsteller Karl Spindler (1796-1855) wird von Schmidt in einem Radioessay mit seinem Stück „Der Vogelhändler von Imst“ vorgestellt, welches Spindler im Jahr 1841 publizierte.

Beim „Heide(n)-Spektakel“  der Randlage Eschede im Sommer 1986 inszenierte das Bremer Theater  diesen Radioessay auf improvisierter Bühne zwischen Menschen und Schafen. Leier liegen mir keine Textdokumente zu dieser Inszenierung vor, so dass ich nicht angeben kann, welche Schauspieler damals unter der Regie von Günter Krämer in Eschede auf der Bühne standen.

 

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(Bremer) Theater und ländliches Spektakel in der Südheide 1986 – fotos: jml

Arno Schmidt in Ahlden 1954

   Manches zu Arno Schmidt – Das steinerne Herz

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Das steinerne Herz und die Prinzessin von Ahlden

  Alice und Arno Schmidt fahren am  Sonntag, den 25.Juli 1954 mit der Bahn von Serrig / Saarland nach Hannover, wo  sie im Staatsarchiv bzw. Landesbibliothek angemeldet sind, um einige Staatshandbücher und Archivmaterial zu Schmidts Fouque-Biografie  und zur Prinzessin Sophie-Dorothea von Braunschweig-Lüneburg-Celle – der sogenannten „Prinzessin von Ahlden“ –  einzusehen. Die Anreise von Serrig im Saarland ist damals noch eine sehr lange und strapaziöse Bahnfahrt durch die Nacht. Alice und Arno Schmidt verlassen Serrig am Sonntagabend um 17.34 Uhr, müssen dort noch vor der Abfahrt eine gründliche Zollkontrolle über sich ergehen lassen, denn das Saarland kam erst im Jahr 1957 zur Bundesrepublik Deutschland. Die Fahrkarten für zwei Personen für die 580 Kilometer kosten 130 Mark.
 

Hannover erreichen sie am Montagmorgen, den 26. Juli. Es erwartet sie im frisch renovierten Bahnhof ein geöffneter Wartesaal, wo sie ein Frühstück, bestehend aus Bier und Würstchen, zu sich nehmen, bevor sie im Dauerregen mehr laufend als gehend die Landesbibliothek erreichen. Ein Schirm wird nicht angeschafft: viel zu teuer ! Der Herr Professor Schnath erwartet bereits den angemeldeten Arno Schmidt, und während er in der Landesbibliothek  Dokumente liest und Abschriften macht, erledigt Alice unten im kleinen Lesesaal die ihr von Arno aufgetragenen Abschriften. In ihrem Tagebuch von 1954 vermerkt Alice Schmidt:

Und wir arbeiten.  Arno durchsieht ganze Aktenbündel Akten über die Prinzessin von Ahlden. Interessant.  Alles ist aufbewahrt.  Ganz interessante Stücke zeigt er mir zwischendurch mal schnell.  Ich kopiere 8 Staatshandbuchseiten  ….  Aber manchmal kommt doch die Müdigkeit stark durch. Hilft nichts.  –   Nach 14h sind wir fertig.“

Es regnet nicht mehr, also zurück zum Bahnhof. Eine Stärkung mittels Bratwurst und „schlesischer Knoblauchwurst„, die keine war. Arno Schmidt aber geht der Trubel der Stadt Hannover furchtbar auf die Nerven, zumal  gerade Sommerschlussverkauf ist:

Las uns bloß heimfahren. Ich halte mit meinen Nerven keine Großstadt mehr aus „.

Im Aktualitätenkino bringt Arno Schmidt eine Zeichentrickfilm mit dem Titel „Hawaiian Holiday“  jedoch wieder zum Schmunzeln. Um 17 Uhr besteigen sie endlich den lang erwarteten Eilzug von Hannover nach Hamburg über Walsrode und Soltau.

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Alter Holzschuppen am Haus No.31

In Schwarmstedt steigen sie in den Zug nach Verden , und Arnos Miene hellt sich auf:“ Arno ging sein ganzes Herz auf als er die sich jetzt wiedermal auftuenden weiten Wiesen und Wälder Norddeutschlands sah. Und schöne umheckte Weiden warens und schöne hohe Wälder „.

 Ahlden  liegt im Aller-LeineTal zwischen Verden  im Nordwesten und Celle im Südosten. Der kleine Ort, dessen Wurzeln bis ins Jahr 1140 zurück verfolgt werden können, brannte im Dreißigjährigen Krieg vollständig ab, und auch später suchten einige verheerende Brände den Ort heim. Dennoch sind viele historische Gebäude erhalten, entweder weil sie die Brände überstanden, oder weil sie zumeist konsequent danach wieder aufgebaut wurden. Die Alte Leine, eigentlich ein alter Aller-Arm, weist auf die Versuche hin, einen Flussarm der Aller, die nach einem Hochwasser 1618 ihr Bett nach Norden verlegt hatte, durch künstliche Umleitung der Leine weiter zu nutzen. Hier  bietet die Alte Leine auch einen sehr schönen natürlichen Badeplatz. Am nordöstlichen Ufer des Gewässers findet sich eine Liegewiese mit Sandstrand. Zugang über die Leinebrücke Richtung Hodenhagen, dann  links in den  Feldweg. 10 min. Fußweg vom Ortskern.
 

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Schild am Haus „Thumann“ No.31

 

Heute  ist Ahlden ein Bestandteil des Aller Radwegs und auf diesem durch die Allerwiesen gut zu erreichen. Von Schwarmstedt im Süden kommend wird er im Nordwesten des Ortes auf der Trasse der stillgelegten Bahnlinie Verden-Schwarmstedt nach Rethem (Aller) weitergeführt. Auch der Leine-Heide-Radweg führt durch diesen Ort, in etwa 11 km von Schwarmstedt kommend und weiter nach Hodenhagen (2 km) und Soltau (40 km) führen. Durch Ahlden führt eine Variante des Jakobsweges, des Jakobuswegs Lüneburger Heide, auf dem Abschnitt von Hittfeld nach Mariensee.

 
Um 18Uhr20 am 26. Juli 1954 kommen Alice und Arno Schmidt in Ahlden an und kehren sogleich in den „Gasthof zum Bahnhof“ ein. Das Zimmer unterm Dach mit Blick über die Linden auf den Flecken Ahlden kostet pro Nacht vier Mark . Arno:  „was? 4 Mark ? Haben Sie sich auch nicht geirrt ? „
 
 
 
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Fachwerkgiebel in Ahlden
 
 
 „Prächtig diese Fachwerkhäuser. Was für ein hübscher Anblick bildet so eine Straße ! Giebel (mit Walmdach) meist auf die Straße zu. Hier gabs keine Misthaufen !  “     
 
 Bevor das Tageslicht schwindet machen Alice und Arno noch einen kleinen Spaziergang:
 „Arno sagt, er erinnere sich an diese Straße (Teerstraße) noch sehr gut denn über die wären wir, von Rethem kommend, tandemiert. Ab und zu schöne Bänke im Hain“.
 
  Alice und Arno Schmidt hatten bei Fallingbostel , im Mühlenhof Cordingen, fünf Jahre gewohnt, von dort aus Tandemfahrten unternommen. Schmidt plant, seinen nächsten Roman , der nach diversen Arbeitstiteln schließlich „Das steinerne Herz“ heißen wird, hier in dem kleinen norddeutschen Flecken Ahlden anzusiedeln.
 
„Das steinerne Herz – ein historischer Roman aus dem Jahr 1954
 
ist naturgemaess kein wirklicher „historscher Roman“ sondern die Geschichte  eines
 sonderbaren Sammlers alter Bücher, der sich  in Ahlden bei einem Ehepaar einquartiert, in deren Besitz er einige begehrte Folianten vermutet.
 Sein – wie auch des Autors – bevorzugtes Interesse gilt speziellen Ausgaben der „Hannoverschen Staatshandbücher„.   Der Protagonist des Romans, Walter Eggers  (alter ego ) , ist wie schon in „ Brand’s Haide“, im“ Faun“ , in  „Schwarze Spiegel“ oder auch dem später erschienenen „Kaff auch Mare Crisium“  ein unbeweibter und wohnungsloser Nachkriegsodysseus; ein   intelligenter, gebildeter und belesener Einzelgänger auf literarischer und erotischer Spurensuche.
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 Ansicht von Ahlden 
 
Die verheiratete , vom Ehemann vernachlässigte  Zimmerwirtin Frieda Thumann ist naturgemäß sofort Objekt der Fantasie und Begierde und der Vollzug lässt auch nicht lange auf sich warten zumal der Ehemann, der als Fernfahrer wöchentlich mit Frischmilch von Rethem nach Westberlin auf den Straßen der Republik unterwegs ist, dortselbst im Ostteil der Stadt seine Geliebte Line unterhält.  Man arrangiert sich nonchalant in zweifach wilder Ehe. Eine für das Jahr 1954  äusserst kühne  Wohngemeinschaft. Alfred Andersch bezeichnete “ Das steinerne Herz “ als Arno Schmidts bis dahin erotisch verwegensten Roman.
 
Was hat die Partei auf ihre Fahnen geschrieben? „- (Karl verdutzt vorm weit geöffneten Radio); „die sexuelle Befriedigung aller Staatsbürger ?!“  („Die materielle Mensch !“) Und er enttäuscht: „Och so.“
 
 
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Schloss Ahlden
 
 Die ganze Handlung der Geschichte ist einfach  und kolportagehaft, der teils sarkastische Humor jedoch und die gnadenlose Kritik an den bestehenden Verhältnissen der Nachkriegsjahre unter Adenauer geben dem Roman die schmidt-typische Schärfe und Frische der frühen Erzählungen. Ganz abgesehen davon, daß Schmidt auch dieser Roman als Folie dienen muß, seine immer mal wieder proklamierte  intellektuelle  Überlegenheit schon in den ersten Zeilen auszubreiten:
 
 “ ( Intelligenz lähmt, schwächt, hindert ?: Ihr werd`t Euch wundern!: Scharf wie`n Terrier macht sie !! ) „
 
 Schmidts Ausdrucksform – wie in den „Berechnungen“ ausführlich dargelegt – ist expressionistischer  geworden  ( teils durchaus mit unfreiwillig komischen Effekten ), das „längere Gedankenspiel“  gewinnt Raum; seine exzentrische Interpunktion kann über die Länge eines Romans  jedoch auch den geneigtesten Leser ermüden.
 
 Arno und Alice Schmidt setzen ihre Recherche in Ahlden fort, sie spazieren am Eichenhain entlang, vorbei am alten Kriegerdenkmal, an welchem Arno Schmidt naturgemäß die Namensliste der Gefallenen sehr interessiert. Die Fachwerkgiebel faszinieren mit ihren alten Inschriften, aber vorerst geht es über die zum Wochenende stets frisch gefegten Bürgersteige direkt zum Schloss Ahlden:
 
 „Alles schön sauber.  Sahen uns aber zunächst noch nicht viel um sondern wollten ja zum Schloss. Und da war’s. Zum 3.x sahen wirs jetzt.“
 
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 Der  zweigeschossige Bau stammt aus verschiedenen Epochen. Um 1290 entstand hier eine Wasserburg. 1579 wurde der Südflügel in Fachwerkbauweise errichtet. Es folgten 1613 der Hauptflügel in Ziegelstein und Fachwerk sowie etwa um  1700 der Nordflügel des Schlosses Ahlden. Zur endgültigen Fertigstellung im 17. Jahrhundert wurden die Überreste der zerstörten nahegelegenen  sogenannten Bunkenburg genutzt.

Berühmt wurde das Schloss Ahlden als Verbannungsort der Celler Herzogstochter Sophie Dorothea von Braunschweig-Lüneburg , der Gattin des Kurfürsten Georg Ludwig von Hannover (später Georg I. von England) der sogenannten „Prinzessin von Ahlden“.

 
Die unglückliche Ehe und die daraus resultierende Affäre mit dem schwedischen Grafen Königsmarck trugen ihr  wegen erwiesenen Ehebruchs die lebenslange Verbannung ein (von 1694 bis 1726). Dieser Ort war Schauplatz einer echten Tragödie und machte das Schloss berühmt. Danach war das Schloss Dienstwohnung der Landdrosten und ab 1788 Amtssitz und Gefängnis. Seit 1310 wurde in Ahlden Recht gesprochen. Früher im Freien, danach bis 1972 im Amtsgericht  im Schloss.
 
 In den Räumen des Schlosses Ahlden war 1954  noch das Amtsgericht untergebracht. Ein anwesender älterer Mann entpuppte sich als Wachtmeister Skusa, der dort im Schloss wohnte und dann und wann auch den Fremdenführer gab. Arno Schmidt kam mit ihm sofort in ein Gespräch, wusste ihm auch einiges Neues zu berichten. Der Wachtmeister führte sie in die oberen Schlossräume, wo Alice Schmidt zu ihrem hellen Entzücken sogleich  einen alten Porzellankamin und Delfter Kacheln entdeckt. Schließlich sehen sie die Wohnräume der verbannten „Prinzessin von Ahlden“ :
 

Dann war der Schlafraum der Prinzessin mit einem nicht besonders tiefen Alkoven in dem das Bett gestanden.  Sehr viel Platz hat sie darin nicht gehabt. …. Als einzige Erinnerung an seine Bewohnerin hing nur ein Stich, ihr Porträt, da. Eine dunkle, mit Blumen geschmückte Schönheit . – Im Nebenraum … war sie als Leiche aufgebahrt. –  So, wieder hinunter“.

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Der Morgenspaziergang führt sie naturgemäss sofort wieder zum Schloß Ahlden , wo sie auch den Amtmann wiedersehen, der ihnen noch einige alte Bäume an der alten Leine zeigt. Sie „knipsen“ das Schloß von allen Seiten  bevor sie zum Mittagessen in den Gasthof zurückkehren. Es erwartet sie dort ein üppiges Mittagsmahl, bestehend aus Koteletts, neuen Kartoffeln und Blumenkohl, in den kleine Fleischbällchen hineingesteckt sind:

Sah frappant aus und schmeckte auch gut. Salat noch……ein Ortsansässiger erzählt, könne sich erinnern, wie in seiner Jugend noch Leute im Ort gewesen wären, die Sachen v. der Prinzessin gehabt hätten  „.

Sie gehen nochmals durch den Flecken Ahlden: Arno Schmidt nummeriert auf einer von ihm selbst gezeichneten Kartenskizze des Ortes alle Häuser durch, Alice notiert zu jedem Haus die ihr von Arno diktierten  Beschreibungen und Anmerkungen. Das alte Wappen der Herzöge von Braunschweig-Lüneburg  Celle von 1613 an der Schloßfassade wird abgelichtet sowie auch das Schloß von der alten Leineseite aus fotografiert.

 

Das Wappen der Herzöge von Braunschweig-Lüneburg  1613  an der Schloßfassade

Weiter gehts vorbei am Drogisten, an der Sparkasse „( mit dem hübschen alten Holzbalkönchen)“. Im kleinen Eisladen, einem netten Lokälchen, setzen sie sich und essen jeder einen Becher Eis: “ Donnerwetter, das schmeckt aber gut ! “

Vom Eisverkäufer, einem Flüchtling aus Ostpreußen müssen sie erfahren, daß ihm zum Jahresende die Pacht gekündigt wurde; er muß künftig anderenorts  sein Glück suchen. Überhaupt treffen sie auf mancherlei entwurzelte und zerrissene Nachkriegsexistenzen in dem kleinen Flecken am Rande der Heide. Ein siebenjähriger Junge aus der Familie der Gasthausbetreiber starb vor einer Woche  an einer Blutvergiftung nachdem er sich bei einem Sturz eine leichte Knieverletzung zugezogen hatte. Die Stimmung ist gedrückt.

Der Rundgang durchs Dorf wird fortgesetzt, die Route durch Ahlden wird von Alice Schmidt in ihrem Tagebuch sehr ausführlich geschildert. Es gibt ja mittlerweile auch websites, auf denen jeder einzelne Schritt des Dichters akribisch vermerkt ist ! Notizen werden dabei  von Alice Schmidt, teils nach Diktat, eifrig gemacht sofern es ein stellenweise  niedergehender Regen erlaubt; es wird eifrig geknipst. Das komische, turmartige Spritzenhaus, in dem die Schläuche zum Trocknen hängen, die Kirche. Das Kaufhaus Wilhelm Gellermann hat eine hübsche  Dekoration zum Schlußverkauf in dem Fenster, was Alice eine ausführliche Anmerkung wert ist.. Dann geht es rechts hinüber zum Büchtener Holz und zurück, schräg gegenüber sehen sie die „Bunkenburg“.

verwirrende Sagen der Einwohner: dort hätte das Schloß eines Raubritters gestanden Arno hält das für strategischen Wahnsinn“.

Nun gilt es noch, für den neuen Roman  „Das steinerne Herz“ das Haus des Romanhelden Walter Eggers auszusuchen. Sie einigen sich auf ein eher unscheinbares Haus  Nr. 31 am Ende einer Straße mit weitem Blick über Wiesen, Viehweiden und umheckte Felder und einem Hof dahinter, Arno Schmidt gefällt der Ort sofort. Und daneben so eine lange, schwarze Holzscheune.

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Und bunte Kühe stehen auch herum, und in manchen Weiden auch Pferde. Alles wird fotografiert, insgesamt drei Filme sind nun voll geworden und werden in einem Karton nachhaus geschickt; sie wollen  diese wichtigen Dokumente vorsichtshalber nicht nach Ostberlin, in die damals  sogenannte „sowjetische Besatzungszone“, mitnehmen.

„Wenns verloren geht, war die ganze Reise umsonst“.

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Arno Schmidt schrieb gegen die Zeit, gegen den vorherrschenden Zeitgeschmack und Zeitgeist. Seine literarischen Figuren, vornehmlich die Ich-Protagonisten, sind Spielrollen auf einer Bühne, auf der es um den beständigen Konflikt des intellektuellen Einzelnen mit einer geistwidrigen, unvernünftigen Umwelt geht, die das Individuum bedroht, verfolgt, in ihre Gewalt zu bringen, unter- und einzuordnen versucht.“

Hartmut Vollmer, „Das vertriebene und flüchtende Ich“ in Arno Schmidt (ed. M.Schardt and H. Vollmer, 1990)

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Arno Schmidt und die internationale Moderne von Friedhelm Rathjen lesen Sie hier

Was man über Ahlden unbedingt wissen muss !

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              Literatur:     Rainer Hendricks „Geschichte des Fleckens Ahlden“-  ISBN 3-00-0-19428-2

Flecken Ahlden-arno schmidt in ahlden-cellensia-celle-prinzessin von ahlden

Bloomsday #2 – Neues zu Lucia Joyce ?

Erschienen am Bloomsday 2018:

Das Leben der Lucia Joyce

Ein neuer Roman über Lucia Joyce:

Das Schicksal der Tochter von James Joyce – pure Fiktion ?

james joyce Familie 1924 in Paris-

 

1924 in Paris: James Joyce, seine Frau Nora und seine Kinder Lucia und George.

 

„Sein Buch“,

heißt es in der Vorbemerkung zu Alex Phebys drittem Roman,

„ist als Kunstwerk gedacht. Namen, Charaktere, Unternehmen, Orte und Ereignisse sind entweder das Produkt der Phantasie des Autors oder werden künstlerisch genutzt. Jegliche Darstellungen tatsächlicher Personen sind entweder zufällig oder wurden für künstlerische Wirkung verändert. „

Die Lucia aus Phebys Buch ist Lucia Joyce. Sie ist eine Tänzerin, Insassin einer Anstalt in Northampton, Schwester von George, Nichte von Stanislav, Tochter von James und Nora, Liebhaber von Künstlern …
Die echte Lucia Joyce wurde 1907 in Triest geboren und wurde professionelle Tänzerin. Sie war die Geliebte der Künstler Alexander Calder und Albert Hubbell. Sie starb 1982, nachdem sie den größten Teil ihres Erwachsenenlebens in psychiatrischer Behandlung verbracht hatte, und mehr als 30 Jahre im St. Andrew’s Hospital in Northampton.
Pheby ist nicht der erste Schriftsteller, der von Lucia angezogen wurde. Ihr Leben war Gegenstand einer Reihe von Romanen, Theaterstücken, wissenschaftlichen Studien – und viel Spekulation. Was war die genaue Natur ihrer Geisteskrankheit, wenn überhaupt? Gab es Missbrauch? Inzest? Wessen Schuld war es, dass sie so lange eingesperrt und so schlecht behandelt wurde? Die vorläufigen Anmerkungen zu Phebys Buch legt nahe, dass Antworten auf diese Fragen weiterhin  umstritten bleiben werden. Einige Namen und andere Details wurden geändert, und in einem Kapitel wurde ein Name vollständig redigiert – ob aufgrund einer Klage, als Vorsichtsmaßnahme oder als Auflage einer Lizenz ist, ist nicht ganz klar.
"Wir sehen Spuren ihres Lebens, das von einem namenlosen Joyce-Nachkommen entsetzlich ausgelöscht wird."  Lucia 1929.
 „Wir sehen Spuren ihres Lebens, das von einem namenlosen Joyce-Nachkommen entsetzlich ausgelöscht wird.“  Lucia Joyce als Tänzerin im Jahre 1929. 

 

Alex Pheby ist ein Schriftsteller, der eine ungewöhnliche, ja außerordentliche literarische Kraft  besitzt. Seine Lucia ist die vollendete Darstellung eines beunruhigten und beunruhigenden Lebens. Am bedeutendsten  ist vielleicht, dass er sich nicht um die gegen ihn erhobenen Vorwürfe der Aneignung und Ausbeutung kümmert, die er in dem Buch möglicherweise gegenüber anderen Personen ausübt. Die Kapitel über Lucia sind durch kurze, scheinbar unzusammenhängende Zwischenspiele über die Öffnung eines pharaonischen Grabes verbunden, die eindeutig als Kommentar zu Phebys eigenen Verfahren der literarischen Arbeit, seiner Mixtur aus Recherche und Fiktion  gedacht sind. Partly truth and partly fiction.

Ist er mehr als ein weiterer Grabräuber und Plünderer?

Das Buch konzentriert sich auf die Demütigungen und Verletzungen, die auf Lucias Körper ausgeübt werden – als Tänzerin, Geliebte, Patientin, Frau und als Thema für andere Autoren.

Der Leser begegnet ihr zuerst „bereit für die Box“, als eine Leiche im Northampton Asyl,

durchscheinend und matt, tot in der Berührung, biegsam und unelastisch, völlig ohne jede Substanz“. 

Dann sehen wir Spuren ihres Lebens, die von einem namenlosen Joyce-Nachkommen auf eine entsetzliche Art und Weise ausgelöscht werden – Tausende von Briefen werden verbrannt, die Asche “ verschmiert“ – bevor Pheby die übrig gebliebenen Fragmente dessen zusammenfügt, was während ihres Lebens geschehen ist oder auch nicht. Wütend und oft verstörend detailliert, mit Berichten von  sogenannten „medizinischen“ Behandlungen, die Rinderserum und kalte Bäder einschliessen.

Phebys Rechtfertigung, Missbrauchsszenen zu erfinden und zu imaginieren, ist kurz und einfach:

Alles, was möglich gewesen wäre, ist in Anbetracht all der zerstörten Beweise, die dieses als falsch erweisen könnten, also heute ebenso gültig und korrekt.“

Da alles möglich gewesen wäre, ist auch alles erlaubt? Das war naturgemäss genau das Problem für Lucia bei den Joyces und ihren Mitarbeitern.

Zu James Joyce:

Sagen wir, er sitzt im Wohnzimmer und da ist der richtige Gegenstand seiner Zuneigung – seine Frau, Nora – und er wird von ihr erregt, aber dann geht sie, während er die Zeitung liest, und du, Lucia , ersetze sie auf ihrem Stuhl. Als er das Papier hinlegt, sieht er dich in seiner Erregung. Ist es ein Wunder, dass seine Erregung in der verschwommenen Welt, in der er lebt, wenn er seine Lesebrille auf der Nase  hat statt seiner normalen Brille , auf dich übertragen wird? „

Zu Stanislav Joyce:

„Versteht auch, dass der Bruder eines Mannes oft ein unausgesprochenes Verlangen nach der Frau seines Bruders hat, und was könnte natürlicher sein? […] in dem Bewusstsein, dass ein Bruder niemals zwischen seinen Bruder und seine Frau kommen kann … vielleicht aber an das Mädchen? „

Alle Joyces kommen in diesem fiktionalen Text schlecht weg; Samuel Beckett kommt schlecht weg; ebenso  Calder, Hubbell, die Ärzte und Begleiter im Asyl; und alle Schriftsteller und Leser, die in diesem Kielwasser gefolgt sind.

Gaffende, wächserne Idioten, die sich an deinem Körper vorbeischleppen, weil sie denken, dass es das Richtige ist […] Sie schauen durch Glas, ihr Verlangen einen Blick ins Jenseits zu werfen, so lüstern und formlos in die Fenster starrend einen Blick auf den Tod eines anderen zu werfen, irgendwie zu verstehen, was sie sind. „

Mit wachem Verstand zu lesen.

  Alex Pheby – Lucia – Galley Beggar Press London . 

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Die Tänzerin Lucia Joyce 1928

James Joyce liest „Anna Livia Plurabelle“ aus Finnegans Wake

 

Eine Blume, meiner Tochter geschenkt (James Joyce Trieste, 1913)

Zart ist die Rose, und zart sind
ihre Hände, zu schenken bereit.
Ihre Seele ist welk und blasser
als die bleiche Welle der Zeit.
Rosenzart und schön – doch zarter
in Blicken blind
verbirgst du ein dunkles Wunder,
mein bleiches Kind.

Auszug aus einer Rezension der IRISH TIMES:

 

Im Jahr 1934 nahm Lucia Joyce auf einer Party zur Feier des 50. Geburtstages ihres Vaters James einen Stuhl und warf ihn auf ihre Mutter. Ihr Bruder Giorgio begleitete sie anschließend in das Sanatorium von Dr. Otto Forel in Nyon, Schweiz, und Lucia verbrachte das verbleibende halbe Jahrhundert ihres Lebens in verschiedenen psychiatrischen Einrichtungen.

Auf dem Internationalen James Joyce Symposium sorgte Lucias Neffe Stephen Joyce 1988 für einen Schock, als er verkündete, er habe alle Briefe von Lucia Joyce zerstört und auf Becketts Bitte  auch die Korrespondenz zwischen Lucia und Samuel Beckett komplett zerstört. Stephen Joyce, letzter Nachkomme der Joyce-Familie und auch der Testamentsvollstrecker des Joyce-Estate ist, pflegt einen strengen „Datenschutz“ bezüglich der Familienpapiere. Akademikern, die versucht haben, etwas über die Joyce-Familie zu veröffentlichen, wurden ständig  mit Gerichtsverfahren überzogen.

Als begnadete Tänzerin in der Pariser Boheme der 1920er Jahre ist Lucia wie geschaffen für die passende  Mythologisierung, besonders für sensationslüsterne Journalisten. Gründe gibt es genug: wegen ihrer psychischen Gesundheit, es gibt  Gerüchte über Inzest und lesbische Beziehungen und weiteres.

Der unglaubliche, ja verstörende Akt des Verbrennens sämtlicher Briefe von James Joyces Tochter Lucia Joyce , der eine wirksame Plattform für Spekulationen aller Art  eröffnet hat, hat alldem nur einen weiteren, aufsehenerregenden Vorfall, ja Skandal hinzugefügt.

Der Roman selbst beginnt mit Lucias Beerdigung in Northampton im Jahr 1982 und mit einem beunruhigenden Blick auf ihren Körper

Lucia, am Bloomsday 2018 erschienen, behandelt Lucia mit einem ungewöhnlichen Aufwand an kritischer  Recherche und Empathie und setzt damit nicht nur den Maßstab für  eine intellektuell kompromisslose fiktionale Biographie, sondern auch für ein rigoros fragendes narratives Experiment. Phebys zweiter Roman “ Playthings“ , herausgegeben von Galley Beggar, konzentrierte sich ebenfalls auf einen wahren Fall, diesmal von Daniel Paul Schreber, einem deutschen Richter aus dem 19. Jahrhundert, der von einem plötzlichen Beginn paranoider Schizophrenie im mittleren Alter betroffen war. In Lucia hat seine Auseinandersetzung mit einer so kontroversen Geschichte und einem so kontroversen Fall männlicher Aneignung zu einem  faszinierenden Buch geführt.

Lucia untersucht auch den Streit über das Erbe der Joyce Familie. In einer frühen Szene, während der berüchtigten Verbrennung der Briefe, schreibt Pheby:

Es gab Wörter in Folge, aber sie waren bedeutungslos. Wie viele, dachte er, würden das Gesetz  brechen? Was macht Sinn? „

Phebys Talent ist es, die ethischen, literarischen und philosophischen  Fragen zu Lucias Fall zu erörtern und sie in den Mittelpunkt emotionaler und intellektueller Anteilnahme zu rücken.

Der Roman handelt von den Gerüchten über Inzest. In einer bemerkenswerten Passage scheint der Autor in sein Buch einzusteigen und sowohl sein Projekt als auch den Kanon der „Lucia“ -Literatur zu untersuchen, die es anspricht:

Wenn man Geheimnisse hat und dann die Beweise dieser Geheimnisse auf einem Scheiterhaufen verbrennt, lädt man Spekulationen ein, und Spekulation ist in gewisser Weise unendlich. . ] Alles, was möglich gewesen wäre , ist in Ermangelung von zerstörten Beweisen , die sich vielleicht als falsch erwiesen hätten,  heute ebenso korrekt. „

Als emotional kraftvoller und ständig fragender Roman untersucht Lucia Spekulation, Wahrheit in einer unlösbaren Einheit von Geschichte, Biografie und Erzählung.

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Arno Schmidt:  Das Geheimnis von Finnegans Wake lesen Sie hier

DIE ZEIT zu Arno Schmidts Beitrag zu Finnegans Wake

Jan Philipp Reemtsma zu Schmidt und Joyce lesen Sie hier

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Abbildungen: wikipedia

 

Zwischen Rittern und Feen

Rittergut Habighorst revisited

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Fotos:  März 2018 –  jml

A la recherche du temps perdu…

Das damals noch intakte und bewohnte Rittergut Habighorst – auf welchem der junge Celler Romantiker Ernst Schulze, „der junge Wohlklang“, manche Sommer mit Rittern und Feen verbrachte beim Studium von romantischen Romanen sowie der Schriften von Baron de la Motte Fouque, dessen Zeitgenosse er war, –  habe ich erstmals im Jahr 1954 kennengelernt.

 

Ich war seit 1954 Fahrschüler und fuhr täglich mit dem Bus des Kraftverkehr Celle zum Hermann-Billung-Gymnasium in die Kreisstadt Celle. So ergab sich durch die Busfahrten der Kontakt zu Christian Schmidt, dem Sohn des damaligen Verwalters des Rittergutes, das in diesen Jahren von der Firma Saatzucht Raddatz-Hufenberg bewirtschaftet wurde.

 

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Diese Freundschaft führte naturgemäß dazu, dass ich des öfteren auf dem Rittergut Habighorst meine Tage verbrachte. Die umgebende Natur und Landschaft  waren geradezu eine Einladung für uns damals zwölz- bzw. dreizehn Jahre jungen Burschen. Die alte Mühle an der Aschau, der Mühlenteich, die Wälder jenseits der Landstraße; überall  erwartete uns grenzenlose Freiheit.  Im Sommer war es eher die Regel als die Ausnahme, daß wir abends viel zu spät wieder im Gutshaus einliefen – nicht selten mir etwas zerrupfter, vom Waten durch die Aschau durchnässter oder auch zerrissener Kleidung; Dornen und Disteln gab es ja überall und die Brombeerhecken waren hoch und dicht. Der Lohn waren strafende Blicke und ein Teller Wurstbrote in der Küche.

 

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Die Sommermonate waren auf dem Rittergut immer die schönsten. Die erwähnten Brombeerhecken zerissen uns die Strümpfe oder dünnen Hemden und die Brombeeren sorgten für intensive Blaufärbung auf der Kleidung und im Gesicht – sie schmeckten einfach zu gut. Als wir dann der englischen Sprache etwas mächtiger waren – also so tertia, untertertia -saßen wir  nachmittags in den höchsten Laubbäumen am Waldrand und schmetterten lauthals unsere Lieblingshits in den blauen Sommerhimmel.

Es gab damals kleine Oktavheftchen mit dem schönen Titel „Meine Melodie“. Sie erschienen monatlich und boten die Texte der aktuellen deutschen und englischen Hits. Wir kauften sie regelmäßig, reichten doch unsere Englischkenntnisse bei weitem noch nicht aus, den gesungenen Text im Radio komplett zu entschlüsseln. Jazz, Beat und Rock’nRoll gaben damals bei uns den Ton an. Die vom knappen Taschengeld in Celle bei „Radio Dallmann“ in der Mauernstraße oder bei „Geigen Petzold“ am Markt erworbenen 45er Singles wurden behandelt  und gehandelt wie geweihte Gaben. Die Labels hiessen: Telefunken, Columbia Records, Decca, Coral, RCA, Storyville etc.

 

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In den Sommerferien arbeiteten auch wir Schüler für fünf Mark am Tag bei der „Saatzucht Raddatz“ im Zweigbetrieb in Scharnhorst bei Eschede. Wir setzten Setzlinge, topften Pflanzen um  und ein, transportierten die Holzkisten und standen stundenlang in den Gewächshäusern an den Pflanztischen. Außerordentlich beliebt waren wir Jungen bei den weiblichen Mitarbeiterinnen als ich mein frisch erworbenes kleines Kofferradio mitbrachte. Von nun an hatten wir die allerfeinste Musik , aus dem Gewächshaus wurde ein Treibhaus im wahrsten Wortsinn. Unsere englischen Hits waren bei den jungen Dorfschönheiten ja weitgehend unbekannt; sie wussten nicht einmal auf welchen Sendern man diese Musik empfangen konnte. Die gab es ja nur auf BFBS ( Britisch Forces Broadcasting Services) zu hören, Pflichtprogramm, wenn man mitreden wollte, war Samstagabends die Hitparade. Eine andere Sendung, die wir niemals und unter gar keinen Umständen verpassen durften war: „Musik aus Studio B“, moderiert von einem gänzlich unbekannten jungen Ex-GI namens Chris Howland  Donnerstagabends im Süddeutschen Rundfunk, nur  mit ausgesucht gutem Jazz und Rock’nRoll.

Aber auch die Politik und der Fortschritt kamen nicht zu kurz im Treibhaus: wir standen in den Herbstferien am Pflanztisch in Scharnhorst als in den Nachrichten am 4. Oktober 1957 der erfolgreiche Start des sowjetischen Sputnik gemeldet wurde. Der erste Satellit der Menschheitsgeschichte befand sich im Orbit. Whow ! Abends dann sah ich seine helle Leuchtspur über den Nachthimmel wandern.

 

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Angeregt durch die Mitteilungen der erst jüngst gegründeten Ernst-Schulze-Gesellschaft in Celle , dass der junge Ernst Schulze hier in den Sommern seiner Jugend einige Zeit verbracht hatte, habe ich das Rittergut Habighorst nun nach mehr als 60 Jahren einmal wieder aufgesucht, um den aktuellen Zustand des Anwesens zu erkunden , meinen Erinnerungen nachzuspüren und in Fotos festzuhalten. Der Verfall der alten Fachwerkgebäude wird leider nicht aufgehalten.

Der junge Dichter Ernst-Schulze aus Celle hatte hier  Anfang des 19. Jahrhunderts manche Sommer lesend in der alten Bibliothek verbracht, welche die adligen Besitzer besaßen; während der napoleonischen Besatzung wohl eher selten zu finden.

 

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Kurze Geschichte des Rittergut Habighorst

Im Jahre 1417 wurde Luderus von Habighorst mit dem Gut under Mühle (Quarmühle am Quarmbach-siehe Fotos unten) belehnt.

1589 gab es 2 Kötner sowie die Hasselmühle an der Aschau. Bis 1673 wurde nach dem Dreißigjährigen Krieg das Herrenhaus auf den Fundamenten eines abgebrannten alten Schlößchens erbaut.

1702 kam das Rittergut Habighorst an den  schottischen General Georg Ernst von Melville, der damals in hannoverschen Diensten stand.

Danach fiel es an die Familie von der Schulenburg, die es verpachtete.

Anfang des 19. Jahrhunderts verbrachte der Celler Dichter ERnst Schulze hier seine „Leseferien“ in den Sommermonaten. Sein Vater Ernt Friedrich Schulze war Verwalter des Rittergtes Habighorst.

 1945 zug der Oberst Hans-Henning von Gersdorff  ins Rittergut Habighorst. Er war der Adjudant des Generelfeldmarschall von Mackensen gewesen.

Nach 1945 bewirtschaftete die Saatzucht Raddatz-Hufenberg das Rittergut Habighorst.

Später gab es noch  eine Familie Thies auf dem Rittergut. In dieser Zeit verfiel das Gut, das  damals durchaus sehr beliebte und gut besuchte Ausflugslokal „Quarmühle“ verlor den Pächter und brannte irgendwann bei Nacht und Nebel ab. Bis dahin war es allerdings schon zu einer gewöhnlichen Kneipe herabgesunken…

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Abbildungen: juergen muegge-luttermann

 

Einige alte Fotos / Ansichtskarten der Quarmühle – Rittergut Habighorst:

 

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Ja, man konnte dort auch segeln ! Und Tretboot fahren.

 

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Bücher        Cellensia      Arno Schmidt

Und da Sie gerade hier sind: Meine Rezensionen finden Sie auch hier oder hier

 

Arno Schmidt findet ein Buch

Manches zu Arno Schmidt

oder Arno Schmidt , alias Walter Eggers, findet Ernst Schulze in einer Bücherkiste

OLYMPUS DIGITAL CAMERADie Erstausgabe von 1956

Es bedurfte ja nicht erst der Sternwarte von Lilienthal, um über den Briefwechsel des Celler Romantikers Ernst Schulze mit dem Sohn des  Bremer Astronomen Wilhelm Heinrich  Olbers , den Bargfelder Schriftsteller Arno Schmidt mit dem Celler Dichter Ernst Schulze zu verlinken. Das hatte der Autor in seinem „historischen Roman aus dem Jahr 1954“  Das steinerne Herz schon höchstselbst vollbracht.

Arno-Schmidt-Leser werden es mir verzeihen, wenn ich  hier kurz darauf hinweise, dass Schmidt seinen Protagonisten Walter Eggers, einen heimatlosen, unbeweibten Nachkriegs-Odysseus auf literarischer und erotischer Spurensuche, bereits in seinem Roman Das steinerne Herz im Jahr 1954 in Ahlden an der Aller ein Buch des „jungen Wohlklang aus Celle“ , wie Goethe den damals recht populären Dichter etwas herablassend zu bezeichnen beliebte, erwähnen lässt.

Walter Eggers hat sich in Ahlden Haus No. 31 bei Frieda Thumann einquartiert. In seiner Dachkammer stöbert er herum und findet eine alte Bücherkiste voller vergessener Schätze, darunter auch den bereits erwähnten Ernst Schulze:

Eine Bibliothek um 1850, auch die hier war wieder so verrückt, wie man es nur in entlegenstem Privatbesitz antrifft!“ 

Walter Eggers findet darin alte Reisebeschreibungen und auch Bücher  von Walter Scott,  einige französische Romane und last but not least:

„ … natürlich auch Schulze aus Celle: ist auch bloß 28 geworden, der junge Wohlklang (und ich blätterte pietätvoll in der Cäcilia Tychsen: nichts für mich!).“

Andererseits waren sowohl Arno Schmidt als auch Ernst Schulze mit dem Baron de la  Motte Fouque verbunden. Ersterer hat ihn vermutlich schon als Jugendlicher gelesen, denn anders lässt sich seine jahrelange intensive Beschäftigung mit diesem wenngleich populären aber literarisch wenig bedeutenden Romantiker kaum begreifen, während der Celler Dichter Ernst Schulze sich mit Fouque eine Auszeichnung  in der „Literaturgeschichte der deutschen Sprach-, Dicht- und Redekunst“  von Dr. Hellmuth Winter im Jahr 1829 geteilt hat:

In der Klasse des romantischen Epos verdienen die Corona (1814) von de la Motte Fouque und die Cäcilie (1815) und die Bezauberte Rose (1817) den Preis…“.

Und im „Lehrbuch der Ästhetik als Kunstwissenschaft“ von Max Furtwängler heisst es zu Ernst Schulze und Fouque nochmals 1837:

Durch Lieblichkeit, Zartheit und harmonischen Versbau ist Ernst Schulze in seiner Cäcilie und der Bezauberten Rose. Auch ist zu erwähnen Fr. Baron de la Motte-Fouque für seine Corona, Fahrten des Thiodolfs..“

 

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Erstausgabe von 1822: Ernst Schulze – Cäcilie – Brockhaus Verlag

Der SPIEGEL schreibt zu Arno Schmidt am 13. Mai 1959. Hier zu lesen.

Ernst Schulze – Cäcilie :  http://www.gutenberg.spiegel.de/buch/cacilie-617/3

Die Biografische Vorrede von Friedrich Ludewig Bouterwek (1766 – 1828) ; zur „Cäcilie“ sollte den Lesern helfen;

 „… einen Dichter näher kennen zu lernen, dessen Name, wenn mich nicht Alles trügt, so lange mit Auszeichnung genannt werden wird, als unsre Sprache lebt.“

 

Einige ausgewählte Zitate aus der „Biographischen Vorrede“:

„Zu den Arbeiten, die seine Lehrer ihm aufgaben, mußte er angehalten werden. Er verschob sie gewöhnlich bis auf den letzten Augenblick, und that sie dann im Fluge ab. Aber zu drolligen Streichen und zu allen Arten von Leibesübungen war er immer bereit, und deswegen auch unter seinen Bekannten sehr beliebt. Wo die Flucht ergriffen werden mußte, war er unter den Fliehenden der letzte. Im väterlichen Hause ließ Jedermann seiner Herzensgüte Gerechtigkeit widerfahren; aber man versprach sich nicht viel von ihm, weil er zur Besorgung von Aufträgen nicht zu gebrauchen war, seine Bücher verlor, keine Art von Ordnung zu lieben schien. Seine Kleider waren in wenigen Tagen, nachdem sie neu gewesen, beschmuzt und zerrissen. Der Director von dem Gymnasium tröstete den besorgten Vater damit, daß es dem Knaben nur an Fleiße, nicht an Talenten, fehle.erinnert.“

………………..

„Seine Lieblingslectüre wurden Rittergeschichten und Feenmährchen. Ein ansehnlicher Vorrath solcher Bücher fand sich in einer alten Bibliothek auf einem Landgute  (Habighorst !) nicht weit von Celle. Ein Ritterzimmer in dem verfallenen Wohnhause war so ganz nach dem Geschmacke des jungen Dichters, daß er seinen Vater um Erlaubniß bat, dort bei der Pachterfamilie einige Zeit sich aufzuhalten. Unter diesen Umgebungen entwickelte sich seine Phantasie.“

 

Der Pachter äußerte die Besorgniß, der junge Mann scheine sich überzustudiren und tiefsinnig zu werden, aber er lobte doch die Hülfe, die ihm der fleißige Bücherleser als Dolmetscher und auf andere Art bei den Durchmärschen der Franzosen leistete, die im Jahre 1803 das hannöverische Land besetzten. Man liebte ihn als einen munteren und herzhaften Burschen. Von einer Reise in das Bad nach Rehburg ( dort lernte der den jungen Olbers kennen!), wo besonders die jungen Damen ihn sehr interessirt zu haben schienen, kam er noch heiterer zurück.“

……………..

„Aufmerksam wurde ich auf ihn zuerst, als er in einem Practicum, dessen Zweck war, den schriftlichen Styl der Theilnehmer zu bilden, durch Ausarbeitungen sich auszeichnete, in denen Gefühl und Phantasie so zart und so correct sich ausdrückten, wie es sich von einem jungen Mann von achtzehn Jahren kaum erwarten ließ. Das verdiente Lob, das ich ihm öffentlich ertheilte, veranlaßte ihn, nach einiger Zeit mich zu besuchen, um mir einige seiner Gedichte zur Beurtheilung vorzulegen. Es waren Sonette, Episteln und Elegien, mangelhaft von mehreren Seiten, aber an einigen Stellen unübertrefflich, und im Ganzen unbezweifelbare Beweise von wahrem Dichtertalent.“

…….

Heiter, wie sein Geist, waren alle seine Gedichte. Einer Schwermuth, wie diejenige, in die er nachher versunken war, als er seine Cäcilie schrieb, schien er in den ersten Jahre seines Aufenthalts zu Göttingen gar nicht fähig zu seyn. ……………. Ernsthafter und in sich gekehrter wurde er schon lange vorher, ehe er die Cäcilie gefunden hatte, die an Leib und Seele seinem Ideale von weiblicher Liebenswürdigkeit entsprach. Indem er bald hier, bald dort, sich näher anzuschließen strebte, war für ihn schon die Lebensperiode vorüber, von der er in einer seiner Elegien sagt:

Wahrlich ich habe gelebt! Nicht reut mich die fröhliche Wildheit.
»Fest an die feurige Brust drückt‘ ich das blühende Seyn,
»Küßte die scheidende Lust, und der nahenden lacht‘ ich entgegen,
»Und zur geliebtesten Braut ward die Minute mir stets.«

Die echte Romantik wußte er nach ihrem ganzen Werthe zu schätzen. Die Wiedererweckung der deutschen Poesie des Mittelalters freute ihn ungemein. Unter den englischen Dichtern waren ihm Shakspeare und Spencer die liebsten….“

„Cäcilie, die Tochter eines göttingischen Gelehrten, hatte alle Eigenschaften, die einen jungen Dichter von Ernst Schulzens Denk- und Sinnesart bezaubern mußten. In der vollen Blüthe der Jugend, reizend vor Vielen ihres Geschlechts, von zarter Sittsamkeit, empfänglich für alles Schöne, geistvoll, von hinreißender Lebendigkeit in ihrem ganzen Wesen, zeichnete sie sich auch durch ihren feinen Kunstsinn und ihre Talente aus. Im Zeichnen und Malen hatte sie es schon weit gebracht. Mit Fertigkeit und Ausdruck spielte sie das Clavier und die Harfe. Ihr und ihrer eben so liebenswürdigen Schwester Adelheid sich nähern zu dürfen, wurde des jungen Dichters höchstes Glück. „

„Aber die schöne Gegenwart, in der er sich so glücklich fühlte, dauerte nicht lange. Die reizende Cäcilie zog sich durch eine Erkältung eine Krankheit zu, die ihrem zarten Körper bald tödtlich zu werden drohte. Die Krankheit nagte beinahe ein Jahr an ihrem Leben. Während dieser Zeit erreichte Schulze’s Enthusiasmus für sie seine äußerste Höhe. Die Bewunderung der Seelengröße, die die Kranke bei ihrem Leiden zeigte, machte sie in seinen Augen schon vor ihrem Tode zu einer Heiligen. Sie starb, noch nicht völlig achtzehn Jahr alt.“

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Totenmaske der Cäcilie Tychsen (Foto: Universität Göttingen)

 

„Seit dem Tode Cäciliens ist keine dauernde Heiterkeit wieder in die Seele ihres Dichters gekommen. Aber ein Dichter blieb er auch im Gefühle des tiefsten Schmerzes. …… Sie zu verherrlichen durch ein Gedicht, auf das er alle geistigen Kräfte wenden wollte, die ihm die Natur verliehen hatte, sollte das größte Geschäft seines Lebens seyn. Er theilte mir seine kühne Idee mit, sobald sein Schmerz ihm erlaubte, davon zu reden.

…………………….

Aber er war auch nicht der Vorige mehr. Der Uebergang vom schwärmerischen Glücke zu einem Schmerze, von dem er sich bis dahin keine Vorstellung machen konnte, hatte allen seinen Gedanken eine andere Richtung gegeben. Das Liebliche, an dem seine Phantasie hing, kleidete sich in die Farben der Schwermuth.

………..

„Sprache und Styl unterwarf er der strengsten Kritik, um nöthige Aenderungen zu machen. Aber mit jedem Gesange wurde er immer mehr Meister der Form. In der Kunst der poetischen Beschreibung erreichte er bald die ersten Muster des Alterthums und der neueren Zeiten. Sein Widerwille gegen alles Gezierte und Manierirte war so groß, daß er auch jede Eigenthümlichkeit des Styls verschmähte, sobald ihm etwas Gesuchtes in ihr zu liegen schien.“

…………………

„Als die ersten Gesänge vollendet waren, bedauerte er sehr, daß er sich durch Wieland’s Beispiel zu den unregelmäßigen Stanzen habe verführen lassen, da ihm die Ausführung des ganzen Gedichts in echten Octaven nicht schwer gefallen seyn würde. Aber die vollendeten Gesänge durch Umarbeitung in regelmäßige Stanzen umzugießen, schien ihm eine frostige Künstelei. Er behielt also, wenn gleich ungern, die metrische Freiheit bei, die er sich einmal genommen hatte. Binnen einem Jahre war das Gedicht bis zum Schlusse des siebenten Gesanges vorgerückt. Nebenher waren ihm noch eine Menge kleinerer Gedichte aus der Feder geflossen.“

………………………..

„Die Cäcilie wurde mit dem zwanzigsten Gesange vollendet im December 1815. Das ganze Gedicht ist also in drei Jahren entstanden, von denen der Feldzug über sechs Monate weggenommen hat.“

…………

Schon sehr erschöpft, schrieb er noch das Gedichte Die bezauberte Rose, durch das er das Höchste leisten wollte, was er in der Kunst des Styls und des Versbaues vermöchte. Sobald es vollendet war, schickte er es anonymisch nach Leipzig zur Concurrenz (Brockhaus !) um den Preis, der auf die beste poetische Erzählung gesetzt war. Im Frühling 1817 wollte er die Reise nach Italien antreten. Wie alle Schwindsüchtigen, ahnete er nicht die Nähe seines Todes.“

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„Keine Pflege und keine ärztliche Hülfe konnte ihn retten. Als er den Preis für die bezauberte Rose erhielt, freuete er sich zwar, sagte aber dabei, daß er an dem Gedichte nichts als die Verse hübsch finde. Er starb in Celle am 26sten Juni 1817, im neun und zwanzigsten Jahre seines Alters. Was die an ihm verloren haben, die ihn näher kannten, kann ihnen die Ehre, die seinem poetischen Nachlasse zu Theil werden wird, nicht ersetzen.

Ernst Schulze war ein Mann von edler Seele, voll männlichen Selbstgefühls, aber nie sich selbst, am wenigsten seine Talente überschätzend, verschlossen, aber unverstellt, kein philosophischer Geist, aber wahr in seinem Innersten, ein Todfeind der Lüge, des Trugs, der Schmeichelei und der Zweideutigkeit im Reden und Handeln, freigesinnt und ohne Furcht, fest und treu in der Freundschaft, standhaft bis zum Eigensinn in seinen Entschlüssen und verständig in allen gewöhnlichen Verhältnissen des Lebens, sehr empfindlich gegen Beleidigungen, aber jede Rache in eigenen Angelegenheiten verachtend, überhaupt wenig besorgt um sich selbst, zu wenig um sein äußeres Glück, desto bereitwilliger zu Aufopferungen und Entbehrungen, wo es galt, ein Ziel zu erreichen, das ihm eines liberalen Mannes würdig schien. (Göttingen am 20sten März 1818.)

Ernst Schulze vertont von Franz Schubert auf CD:

Unter den von Franz Schubert vertonten Texten norddeutscher Dichter befinden sich einige seiner bedeutendsten und populärsten Lieder überhaupt, so etwa Der Wanderer (nach Georg Philipp Schmidt von Lübeck), Alinde (nach Johann Friedrich Rochlitz) oder Im Abendrot (nach Karl Gottlieb Lappe). Den größten Anteil dieser Kompositionen machen die Gedichte von Ernst Schulze aus, eines mit noch jüngeren Jahren als Schubert (er wurde nur 28) verstorbenen Dichters aus Celle. Schubert hat neun Gedichte von Schulze vertont, die – obwohl kein festgefügter Zyklus – doch wie ein Vorklang auf die spätere Winterreise wirken: allein vier erzählen von Wanderschaft und Reise, die meisten bieten poetische Naturschilderungen, alle singen von Liebe, Leid und Sehnsucht; das vielleicht schönste, Im Frühling, verklärt die Erinnerung an die Geliebte im Wunsch nach harmonischem Einklang mit der im Frühjahr wieder erwachenden Natur. Neben solch elegisch-idyllischen Träumereien oder resignativer Bitterkeit (An mein HerzKlagelied) bergen die Lieder aber auch dramatischen Impetus (Auf der Bruck), sogar aggressive Heftigkeit (Über Wildemann) und tief beklemmende Traurigkeit (Tiefes Leid).

ernst schulze-cd-schubert-konzerte-celle-cellensiaNAXOS-CD – 75min –  No 8.555780  – (cover: Naxos)

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Abbildungen: juergen muegge-luttermann

 

Bloomsday 2018

 

„A Guide to James Joyce“ finden Sie hier

 Zum Bloomsday – Ein Autograph von

James Joyce’s „Ulysses“:

 

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James Joyce – Ulysses – Aus der „Circe“ – Episode – Hier finden Sie mehr

 

James Joce liest Ulyssses 1924James Joyce liest „Anna Livia Plurabelle“  aus  Finnegans Wake

James Joyces „Ulysses“:

Der Raubdruck in „Tho Worlds Monthly“

 

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Der amerikanische Verleger Samuel Roth hatte Ulysses in seiner neuen Zeitschrift

Two Worlds Monthly

als Serie veröffentlicht, aber ohne  die Rechte von James  Joyce einzuholen. Dieser Raubdruck  vervollständigt das Rosenbach-Archiv der raubkopierten Veröffentlichungen von Ulysses.

Amerikanische Leser wurden in der New Yorker Zeitschrift The Little Review mit den ersten Kapiteln von Ulysses konfrontiert, aber die Zeitschrift wurde wegen Verstoßes gegen das Gesetz gegen Obszönität in der Kunst verboten.

Da JJames oyce keinen Verlag in der englischsprachigen Welt finden konnte, ließ er das Buch 1922 in Paris veröffentlichen. Obwohl es in den Vereinigten Staaten noch verboten war, führte sein international wachsender Ruhm dazu, dass viele Exemplare  in die Vereinigten Staaten eingeschmuggelt wurden. Der Verlag Samuel Roth erhoffte sich daraus einen Vorteil  für die Veröffentlichung in Form einer Serie in seinem neuen Magazin Two Worlds Monthly, aber ohne die autorisierung durch  Joyce.

Dieser Raubdruck  provozierte einen internationalen Protest, der von 167 Künstlern und Schriftstellern in der Zeitschrift Transition  im Jahr 1927 unterzeichnet wurde. James Joyce gewann schließlich eine einstweilige Verfügung, die Roth zwang, diese Veröffentlichung zu stoppen, obwohl er später den gleichen Text in Buchform veröffentlichte.

Arno Schmidt: Das Geheimnis von Finnegans Wake lesen Sie hier

DIE ZEIT zu Arno Schmidts Beitrag zu Finnegans Wake

Jan Philipp Reemtsma zu Schmidt und Joyce lesen Sie hier

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Abildungen: Rosenbach Archiv www.rosenbach.org 

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Arno Schmidt, Massenbach & Lilienthal – Ernst Schulze nicht zu vergessen

Arno Schmidt, Massenbach und Lilienthal

und der Briefwechel Heinrich Georg Olbers mit Ernst Schulze

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Das 27-Fuss-Teleskop in Lilienthal 1794  (heute Telescopium Lilienthal)

»Dieses Lilienthal ist einer der interessantesten Orte!

Zwar die Umgebung – es liegt eine Meile nordöstlich von Bremen, in Richtung der großen Moore – kann wohl nur dem Auge des Kanalbauers reizvoll erscheinen; im Herbst und Winter soll das Land voller Nebel und Rauch sein, und einen wahrhaft finnischen Anblick darbieten. … Herr Harding, der die Güte hatte, mir die Instrumente, zweifellos die größten auf dem Kontinente befindlichen, zu zeigen, bedauerte ebenfalls die Ungunst des Himmels. Umso erstaunlicher sind die Resultate seines Fleißes, von denen er uns einige äußerst schätzbare Blätter eines großen Sternatlas vorwies.« –

So beginnt, im Juni 1801, der preußische Obrist Massenbach  – laut Arno Schmidt –  die Schilderung eines Besuches im Zentrum der bremischen Astronomenschule. Die Sternwarte war die Gründung des dortigen Amtmannes, Hieronymus Schröter, dem vor allem topographische Studien über Planetenoberflächen oblag; folgenreicher jedoch als seine eigenen Arbeiten, war die erste wissenschaftliche Ausbildung von zwei Größeren, Harding und Bessel, die der Vierte im Bunde, der eigentliche geistige Leiter des Instituts, der bremische Arzt Heinrich Wilhelm  Olbers, herangeführt hatte.

Arno Schmidt: Zwei kleine Planeten – ein großer Schüler – 1954 – BA [III/3, 139]

Die Sternwarte in Lilienthal (heute Telescopium Lilienthal)

Im Jahre 1782 wurde der an der Astronomie interessierte Oberamtmann Johann Hieronymus Schroeter im Dienste des Kurfürstentums Braunschweig-Lüneburg nach Lilienthal versetzt. Im Garten des Amtshauses richtete er zunächst eine einfache Beobachtungsstation ein. Schroeter war mit der Familie Herschel aus Hannover bekannt und stand in brieflichem Kontakt mit dem in England lebenden Wilhelm Herschel, der 1781 den Planeten Uranus entdeckt hatte. Von Herschel erhielt Schroeter 1784 einen Spiegel mit 12 cm Durchmesser und Okulare, aus denen er ein Spiegelteleskop fertigte. 1786 sandte ihm Herschel einen Spiegel mit 16,5 cm Durchmesser, den er für ein weiteres Teleskop verwendete. Im selben Jahr ließ Schroeter im Amtsgarten ein zweistöckiges Observatorium errichten.

1788 entstand eine zweite Beobachtungsstation, ein achteckiger Holzbau, den er „Urania-Tempel“ nannte. Ab 1792 entwickelte er mit Professor Johann Gottlieb Friedrich Schrader von der Universität Kiel und seinem Gärtner Harm Gefken Verfahren zur Optimierung von metallischen Teleskopspiegeln. Es entstanden Geräte mit sehr guten Abbildungsleistungen, wie ein Teleskop mit 24 cm Öffnung. 1793 begann er mit der Herstellung eines „Riesenteleskops“, das 1794 fertiggestellt wurde. Es besaß eine Öffnung von 50,8 cm und 8,25 m (27 Fuß) Brennweite. Dieses Teleskop machte die Sternwarte Lilienthal weltberühmt und sie wurde fortan von Astronomen, hohen Staatsbeamten und Militärs aller Armeen besucht.

Zusammen mit Franz Xaver von Zach und Heinrich Wilhelm Olbers gründete Schröter 1800 in Lilienthal die Astronomische Gesellschaft.

Ab 1799 reichte Schroeters Gehalt als Oberamtmann nicht mehr für die Unterhaltung der Sternwarte und die Kosten seiner Veröffentlichungen aus. Er schloss daher durch Vermittlung eines Londoner Freundes einen Vertrag mit dem britisch-hannoverschen König Georg III. ab. Danach gingen sämtliche Geräte der Sternwarte für den Preis von 1200 englischen Guineen (nach heutigem Wert etwa 150.000 Euro) in das Eigentum des Königs über. Die Geräte sollten bis zu Schroeters Tod in Lilienthal verbleiben und anschließend an die Universität Göttingen gehen. Schroeter erhielt außerdem eine Rente von 300 Talern sowie 200 Taler zur Unterhaltung eines „Sternwarte-Inspektors“.Inspektor wurde Karl Ludwig Harding, der seit 1796 Schroeters Sohn Johann Friedrich unterrichtete. Harding entdeckte 1804 von Lilienthal aus den dritten Asteroiden Juno. 1805 ging er an die Universität Göttingen. Von 1806 bis 1809 arbeitete Friedrich Wilhelm Bessel als Assistent in Lilienthal. 1809 erhielt Bessel einen Ruf an die Universität Königsberg.

Schroeters ehemaliger Gärtner Harm Gefken nutzte seine erworbenen Kenntnisse und gründete in Lilienthal eine optische Werkstatt zur Herstellung von Spiegelteleskopen, wobei er auch Schroeter belieferte. Im Laufe der Zeit entstanden in Lilienthal bedeutende Arbeiten über den Mond, und die Planeten Merkur, Venus, Mars, Jupiter und Saturn. Hier entstand auch Schroeters großer Mondatlas „Selenotopographische Fragmente“.

Infolge der napoleonischen Kriege kam Lilienthal 1810 unter französische Verwaltung und Schroeter wurde zwangspensioniert. Seine Bezüge wurden nicht mehr gezahlt, die Gelder aus England waren seit 1806 ausgeblieben. Am 21. April 1813 führten französische Truppen eine Strafexpedition durch und brannten die Ortschaft Lilienthal nieder. Schroeters Amtshaus mitsamt Aufzeichnungen verbrannte. Die Sternwarte blieb zwar verschont, wurde jedoch geplündert. Im November 1813 wurde Schroeter wieder in sein Amt eingesetzt. Da sich sein Gesundheitszustand verschlechterte, ließ er vertragsgemäß alle Instrumente, die vor 1799 gekauft worden waren, nach Göttingen transportieren. 1816 verstarb Schroeter im Alter von 70 Jahren in Lilienthal. Nach seinem Tode verfiel die Sternwarte zunehmend. 1850 wurden die letzten Reste abgerissen. ( Quelle: wikipedia)

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Gedenkmadaille zur Eröffnung des „Telescopium“ Lilienthal am 28.11.2015

Link: Das neue Telescopium Lilienthal von 2015

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Telescopium Neutomanum XXVIIpedum constructum Lilienthalis 1793

Die Gründung der „Astronomischen Gesellschaft“ an der Sternwarte Lilienthal

Am 20. September 1800 erfolgte in Lilienthal bei Bremen die Gründung der Astronomischen Gesellschaft, der ersten Vereinigung dieser Art überhaupt. Gründungsmitglieder waren der Leiter der Sachsen-Gothaschen Sternwarte Franz Xaver von Zach , Ferdinand Adolf von Ende aus Celle, Senator Johann Gildemeister aus Bremen, Heinrich  Wilhelm Olbers aus Bremen, Karl-Ludwig Harding  und schließlich der Hausherr Johann Hieronymus Schroeter in Lilienthal .

Ziel der neuen Gesellschaft war es, einen zwischen Mars und Jupiter vermuteten, aber noch nicht entdeckten Planeten aufzufinden. Zusätzlich wurden dazu noch am Gründungstage aus ganz Europa 18 weitere bekannte Astronomen zu Mitgliedern berufen. Zur Erreichung des Zweckes wurden die Sternbilder der 12 Tierkreiszeichen, durch welche sich die Planeten im Laufe eines Jahres um die Sonne bewegen, auf die 24 Astronomen aufgeteilt mit der Auflage, durch ständige Kontrollen und Aufzeichnungen nach einem evtl. Fremdling Ausschau zu halten. Der Italiener Piazzi war eines jener 18 korrespondierenden Mitglieder, und so wird die Entdeckung des Ceres am 1. Januar 1801 der erste Erfolg der „himmlischen Polizey“, wie die Gruppe alsbald genannt wird.

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Arno Schmidts „Lilienthal 1801, oder die Astronomen“

Die Geschichte zur Entstehung dieses ungeschriebenen Buchs beschreibt Bernd Rauschenbach, wie folgt:

“ Im Februar 1956 verabredet Arno Schmidt mit seinem neuen Verleger Ernst Krawehl die Herausgabe eines Sammelbandes: Die Erzählungen Kosmas, Alexander, Seelandschaft, mit Pocahontas und Die Umsiedler sollen darin aufgenommen werden, sowie ein noch zu schreibender Text Lilienthal, ( ….. ) 20 Jahre später, im März 1976, nennt Arno Schmidt Zettel’s Traum eine »bloße Hand­übung« für sein als 4-Spalten-Buch konzipiertes Hauptwerk Lilienthal 1801, oder Die Astronomen, zu dem er aber nicht mehr kommen werde. […]

Zwei Jahre vor Arno Schmidts Tod scheint Lilienthal plötzlich noch einmal in den Bereich des Möglichen zu rücken. Am 14.6.1977 bietet Jan Philipp Reemtsma Schmidt eine bedeutende finanzielle Unterstützung an, die Schmidt von sich aus, ohne daß Reemtsma das Werk nennt, sofort auf Lilienthal bezieht. Nach zwei Tagen Bedenkzeit akzeptiert Schmidt die Unterstützung und teilt Reemtsma seinen Entschluß mit, 1979 (also nach Fertigstellung seines in Arbeit befindlichen Romans Julia) die Arbeit an Lilienthal wieder aufnehmen zu wollen: 1500-1600 vierspaltige DIN A 3-Seiten werde es bekommen.“

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Arno Schmidt am Grab von J.H. Schroeter in Lilienthal  (Foto: Heimatverein)

Und weiter schreibt Bernd Rauschenbach:

„Auf einem Zettel hat Arno Schmidt festgehalten, wann ihm die Idee kam, einen Roman über die Lilienthaler Sternwarte zu schreiben: am Abend des 13.4.1955. Doch diente Lilienthal ihm schon vorher, spätestens ab Oktober 1949 während der Massenbach-Niederschrift, als Ort poetischer Invention-: Wie oben dargelegt, handelt es sich beim  bereits in der Revue erwähnten Besuch Massenbachs in Lilienthal mit hoher Wahrscheinlichkeit um eine Fiktion Schmidts.“

Bernd Rauschenbach: Das übernächste Buch. In: Arno Schmidts Lilienthal 1801, oder Die Astronomen.1996.

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Hier hatte sich einst Arno Schmidt als Küster beworben: St. Jürgen bei Lilienthal

Daß Arno Schmidt diesen Auftritt des preußischen Obristen Christian von Massenbach in Lilienthal inszeniert ist verständlich. Hatte er seine  Arbeit zu dem Lilienthal-Komplex  ja bereits detailliert als sein Opus Magnum angekündigt; 1400 bis 1600 Seiten sollte es umfassen bei einem vierspaltigen Satz. Und wem das noch nicht genügte und von Umfang und Bedeutung dieses Werkes überzeugte, dem ruft er hinterher:  der 1300  dreispaltig gesetzte Seiten starke Zettels Traum sei lediglich eine  „bloße Handübung“  für Lilienthal oder die Astronomen gewesen. Zettels Traum als bloße Handübung – whow !

Es ist wohl anzunehmen, daß sich dieses ambitionierte Großprojekt nicht allein mit der Sternwarte in Lilienthal beschäftigt hätte; der von Schmidt bereits skizzierte Auftritt von Massenbach an der Sternwarte in Lilienthal verfolgte erkennbar den Zweck, die schillernde Figur des preußischen Militärs, den ja Schmidt bereits in der  Massenbach Revue  (enthalten in Belphegor und dort 1961 erstmals veröffentlicht) ausgiebig und teils geradezu euphorisch  gewürdigt hatte, in den Lilienthal-Komplex zu integrieren.

Christian von Massenbach, ein erklärter Europäer und Verfechter einer Allianz mit Napoleon gegen Rußland, sollte in dem geplanten großen Dialogroman seine pro-europäische Position, die auch die Position des Autors war, deutlich vertreten. Schmidt hatte ja bereits betont, daß er Massenbach als einen ihm verwandten Charakter einstufte: melancholisch-cholerisch, sich mit Mathematik befassend, schreibend etc.

Das wäre er dann wohl gewesen: Massenbach als  das alter ego des Autors Arno Schmidt.

Arno Schmidt zu Massenbach:

„So begegnete auch ich während weitgespannter, einem anderen gleich vernachlässigten Thema  dienender Untersuchungen, der mächtigen Gestalt Christians von Massenbach; ich fand mich ihm ähnlich in Vielem: Temperament melancholisch-cholerisch; Rücksichtslosigkeit in geistigen Dingen; Verfasser mathematischer Werke – Offizier zu werden habe ich allerdings verweigert, obwohl sich Herr Fremy aus Hattingen an der Ruhr, damals Major und einer meiner vielen Vorgesetzten, keine Gelegenheit, mich mit Gewalt dazu pressen zu wollen, entgehen ließ. Immerhin war ich 6 Jahre lang Zwangssoldat und POW, so daß ich auch in dieser Hinsicht die notwendigen Hilfswissenschaften beherrsche. – Im Laufe meiner Untersuchungen, vor allem, je mehr mir die unglaubliche Vernachlässigung und Verkennung des Gegenstandes auffiel, wurde mir dieser in solcher Konsequenz erste Europäer dergestalt, merkwürdig – brüderlich vertraut, bekenne ich -, daß ich versuchen will, sein Gedächtnis auch unter Anderen zu erneuern.“ (Belphegor)

Christian von Massenbach war als Stabschef dem Kommando  des Fürsten Friedrich-Ludwig zu Hohenlohe unterstellt, als die preußischen Armeen am 14. Oktober 1806 bei Jena und Auerstedt trotz Überzahl im Kampf gegen Napoleons modernere Streitkräfte  jene verheerenden Niederlagen erlitten, welche am 28. Oktober mit der Kapitulation von Prenzlau das Ende Preußens einläuteten. Massenbach wurde von vielen Seiten eine falsche Einschätzung der militärischen Lage vorgeworfen.

Christian von Massenbach hat sich mit seinen publizierten Historischen Denkwürdigkeiten, Gallerie Preußischer Charaktere und Erläuterungen  gegen diese  Vorwürfe zur Wehr gesetzt, blieb aber als erklärter Verfechter einer deutsch-französischen Allianz unter Bonaparte, also einer „europäischen“ Idee gegen Russland immer ein Außenseiter in Preußen.

»Ich fürchtete von je her Rußlands Unterjochungsgeist: dieser Geist gleicht einem Strome, der von den Iwanen ausgeht, und nun keine Ufer mehr kennt. Kein Jahrhundert vergeht, und die Russen belagern Straßburg und Mainz; Europa wird eine Wüste und Amerika tritt an dessen Stelle, setzt ihnen Bonaparte nicht einen Damm entgegen.«

(Arno Schmidt: Massenbach/Historische Revue. in: Schmidt, Belphegor, 310 – 453, hier 356 Taschenbuch: Tina, 89 – 175)

Schon in der Gelehrtenrepublik lässt Arno Schmidt dieses Massenbach-Zitat von seinem Protagonisten Charles Henry Winer erwähnen; daher dürfte auch die erwähnte “ vierte Spalte“ im Lilienthal-Text für den „ersten Europäer“ Christian von Massenbach bestimmt gewesen sein und die Massenbach-Revue von 1961 für Schmidt nicht mehr als eine kleine Skizze dazu. Vierhundert Notizzettel hatte der Autos überdies  gesammelt.

Ob Arno Schmidt auch in diesen Dialogroman, wie bereits in Zettels Traum oder Abend mit Goldrand, sein all(es)=wissendes, dozierendes alter ego eingeführt hätte, kann man bezweifeln. Diese Gespräche in Lilienthal unter Beteiligung vom Schroeter, Massenbach, Olbers, Bessel, Gauss und Harding hätten im Jahre 1801, dem Zeitpunkt des Besuchs Massenbachs in Lilienthal stattgefunden; sowohl der politische Europäer als auch die dozierenden Astronomen waren  an der Sternwarte in Lilienthal bereits versammelt; die Ergebnisse und Erlebnisse bei der Beobachtung des Venus-Transits von 1769 an diversen europäischen Sternwarten prägten somit  die andee Seite der Europamedaille und boten damit die Voraussetzungen für einen großen Europadialog, wie er Schmidt vorschwebte. Das Thema war ja auch noch in den Siebzigerjahren auf der politischen Tagesordnung.

Der Historiker Hans-Werner Engels zu Arno Schmidt:

Schmidt neigt überhaupt dazu, da er Geschichte in Bildern konzentrieren will, die Chronologie recht stiefmütterlich zu handhaben. So besuchte zwar Friedrich Wilhelm III. die Truppen bei Petershagen (in der Nähe von Minden), konnte dort aber nicht den Prinzen Louis Ferdinand tadeln, weil der noch gar nicht zu seinen Eskapaden nach Hamburg und Altona aufgebrochen war. Die Äußerungen des Königs, die Schmidt dialogreif macht: „Mir ist angezeigt worden, daß Euer Liebden sich schon seit geraumer Zeit öfters in Hamburg aufhalten […], datieren vom 13. Januar 1800.

Für Massenbachs Besuch bei dem Liebhaber-Astronomen Heinrich Wilhelm Matthias Olbers (7. Bild der Revue)  fand sich keine Quelle. Es scheint sich bei dieser Szene um eine Liebhaberei eines Schriftstellers zu handeln, der den Naturwissenschaften huldigt, wenn es nicht das erste Ergebnis der Jahrzehnte langen Beschäftigung Schmidts mit dem Schroeter-Lilienthal-Komplex ist. Selbst wenn diese Begegnung stattgefunden haben sollte, so bleibt dies Treffen für die Lebensbahn des preußischen Militärs bedeutungslos.

In der Fabulierszene Fenstereinwurf bei Haugwitz (1806) wird erwähnt, daß sich das preußische Königspaar an eben jenem Tage, als Louis Ferdinand randaliert haben soll, mit dem russischen Zaren Alexander in der Gruft Friedrichs II. getroffen haben soll. Diese spektakuläre Grabszene fand aber schon im November 1805 statt. Wenn dann z. B. die Karlsbader Beschlüsse (1819) mit Massenbachs Verhaftung in Verbindung gebracht werden (1817), so zeigt dies erneut, daß man mit der Lektüre der Revue kein Geschichtsexamen bestehen kann.“

Weiteres zu Lilienthal:

Georg Heinrich Olbers und Ernst Schulze – Der Briefwechsel

Der romantische Dichter Ernst Schulze aus Celle pflegte einen jahrelangen, engen Briefkontakt mit seinem Freund Georg Heinrich Olbers

Der Bremer Arzt und Astronom Heinrich Wilhelm Olbers ( 1758 – 1840 ), Mitbegründer der „Astronomischen Gesellschaft“ in Lilienthal im Jahre 1800, hatte einen Sohn Georg Heinrich Olbers  ( 11.8.1790 – 1861 ) der von Karl-Ludwig Harding, ebenfalls Mitglied der „Astronomischen Gesellschaft“, unterrichtet wurde. Georg Heinrich Olbers verbrachte seine Kinderjahre in Bremen, wo er zunächst privat Elementarunterricht erhielt. Anschließend besuchte er die lutherische Domschule in Bremen. In seiner Jugendzeit interessierte er sich sehr für Literatur (insbesondere schwärmte er für Schiller) und für das Schauspiel. So war er in seiner Jugend in einem literarischen Zirkel tätig und betätigte sich als Schauspieler.

Auf der Sommerreise seiner Familie nach Rehburg 1804 lernte er den Schriftsteller Ernst Schulze  (1789-1817) aus Celle kennen, mit dem er bis 1809 in jahrelangem regem Briefwechsel stand. Ein bedeutendes Thema ihres Briefwechsels war das literarische Schaffen der Briefpartner, die sich auch gegenseitig ihre Werke zuschickten. Schulze ermutigte Olbers zum Schreiben von Gedichten und Prosa. In seinen Gedichten drückte dieser oft die melancholische Stimmung aus, in der er sich während der Jugendjahre und im jungen Erwachsenenalter befand.

Briefwechsel Ernst Schulze mit Georg Heinrich Olbers in Lilienthal:

https://elib.suub.uni-bremen.de/edocs/00105281-1.pdf

Der Celler Dichter Ernst Schulze studierte seit 1806 in Göttingen Philologie. Ernst Schulze war schon durch seine romantische Dichtung bekannt und populär geworden. Goethe nannte ihn „den jungen Wohlklang„, Franz Schubert hatte einige seiner Gedichte vertont.

In Olbers’ Briefen dieser Zeit an Ernst Schulze wird der große Wunsch deutlich, den Freund aus Celle beim eigenen Studium in Göttingen wiederzusehen. Als er 1809 jedoch nach Göttingen ging, war die Freundschaft bereits erkaltet: Georg Heinrich Olbers lehnte es in Göttingen ab, mit Schulze in Verbindung zu treten. Dies war nicht seine letzte Freundschaft, die zerbrechen sollte: Wilhelm Olbers Focke schreibt von Olbers’ „überspannte[n] Begriffe[n] von Freundschaft und unerfüllbare[n] Anforderungen an seine Freunde“.

Im Frühjahr 1812 begleitete Georg Olbers seinen Vater Wilhelm Olbers, der als Vertreter der Stadt Bremen nach Paris reise, in die französische Hauptstadt. Auf Wunsch seines Vaters trat er dort in den französischen Staatsdienst ein. Seit dem 04.06.1812 arbeitete er infolge eines Dekrets Napoleons als Staatsauditeur (Beisitzer beim Gericht) im Ministerium des Inneren.

Am 14.11.1823 war Georg Heinrich Olbers Gründungsmitglied des bürgerlichen Bremer
Kunstvereins. Er wurde in einem späteren Bericht des Kunstvereins neben dem Senator
Klugkist und dem Kaufmann Johann Heinrich Albers als ein Gründungsmitglied
hervorgehoben, dessen Kupferstichsammlung mit in den Fundus des Vereins eingegangen sei. Auch gehörte er zu den Gründern der ersten Bremer Theatervereine.
 
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Erhaltener Brief von Georg Heinrich Olbers an Carl Friedrich Gauss vom 3. März 1840
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Abbildungen: wikipedia

Das Schauerfeld März 2018

„-:king!“

Arno Schmidt in Bargfeld  – Zettels Traum

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Das Schauerfeld in Bargfeld – Arno Schmidt in Bargfeld

Das lautmalerische „-:king!-“ zu Beginn des  1. Kapitels von „Zettels Traum“  beschreibt das Geräusch beim Loslassen des Stacheldrahts , als Dan Pagenstecher, Wilma und  Paul Jakobi mit Tochter  Franziska um vier Uhr in der Früh an einem Morgen des Jahres 1968  das Schauerfeld nahe Bargfeld in der Ostheide betreten. Wobei das „king“ auch den kleinen Zaunkönig assoziieren läßt, der hier ebenfalls beheimatet war.

Wohl die meisten Arno-Schmidt-Leser kennen das Schmidtsche Schauerfeld in Bargfeld , ohne es je gesehen zu haben.  Es ist ein mittlerweile herrlich verwildeter Landstrich von etwa neun mal fünfhundert Metern, unbewohnt und unbepflanzt. Birken wachsen schnell, bilden nur Flachwurzeln und werden im feuchten Boden nicht alt, verfallen wieder, faulen oder brechen. Im Unterholz Distelgewächse, dornenhaftes Gesträuch; im Sommer ohne eine Machete nicht zu durchdringen.

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Kraniche am Schauerfeld bei Bargfeld

Was Arno Schmidt bewogen hat, diesen  Strich Land zu erwerben?

Arno Schmidt hat das  Schauerfeld bei Bargfeld von Wilhelm Michels erworben, der ihm auch sein Wohnhaus 1958 in Bargfeld vermittelt hatte. Es gab ein gemeinsames abendliches Picknick am 12. April 1965  auf dem wilden Schauerfeld. Arno Schmidt hat es nach einer in Schlesien angesiedelten Rübezahl-Erzählung des Baron de la Motte  Fouque benannt ; er arbeitete jahrelang an der Recherche zu einer Biografie dieses seltsamen  „Romantikers“.

Schauerfeld: Hier hatte ich einmal mit ihm gesessen, vor drei oder vier Jahren, und er hatte gesagt: ‚Ich will das Stück so belassen, unbeschädigte Natur, wissen Sie, ein riesiges Rasenstück. Sie drüfen ruhig an Dürer dabei denken.‘ Und in der Tat, seit ihm das schmale Handtuch Land gehörte, hat es garantiert kein Mensch mehr betreten. Alles verwildert, eine ideale Vogelhecke.“ [Droege 22-23]

( Heinrich Droege: Begegnung mit Arno Schmidt erschienen im BrennGlas Verlag, 1985. )

„Zettels Traum“ beschreibt vierundzwanzig Stunden  eines Sommertages im Jahr 1968  auf dem  von Arno Schmidts sogenanntem „Schauerfeld“ bei Bargfeld in der Ostheide. Ein  etwas zu Recht  vergessener schlesischer Dichter merkwürdig  verstaubter Ritterromantik namens Baron de la Motte Fouqué hatte eine gleichnamige Erzählung verfasst, die von einem wundersamen Acker berichtet, auf welchem der Rübezahl Angst und Schrecken verbreitet.

Heinrich Heine reimte im Wintermärchen:

„Das ist so rittertümlich und mahnt an der Vorzeit holde Romantik. An die Burgfrau Johanna von Montfaucon, an den Freiherrn Fouqué , Uhland , Tieck“.

Bei Arno Schmidt jedoch ist Schluß mit Romantik, bei ihm wird das Schauerfeld sofort zu einem naturbelassenen Exerzierfeld für Sprachwitz, Wortspiele und mehr oder weniger ausgedehnte Streifzüge in den  Untiefen  eines Unbewußten, dessen sichtbare und unsichtbare Spuren es geradezu manisch zu verfolgen gilt. Wörter, Phoneme, Zeichen, Etyms, die wie das Kraut auf dem Schauerfeld sprießen , lassen  jedes Menschen Triebe  mit den  Höhen der fortwährend ohn Unterlass zitierten Literatur assoziieren.

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Der belesene und anscheinend alles-wissende Intellektuelle Dan Pagenstecher – ein alter ego des Autors Arno Schmidt –  veranstaltet einen 1334 Seiten langen Parforceritt durch  die Literatur  anlässlich eines Ganges durch das Schauerfeld, das nördlich des Dorfes Bargfeld ( Ödingen, Klappendorf, Schadingen etc. ) immer noch in schönster Wildheit und Waldeinsamkeit  existiert.

Zu Wort und zu Gehör kommen nicht unerwartet  : Edgar Allan Poe in bester Gesellschaft mit Siegmund Freud, wobei der geneigte Leser nicht mit allen Assoziationen des Autors einverstanden sein muss.  Verwundertes oder verärgertes Kopfschütteln  kommt vor, der Leser muss nicht jedem Schritt des großen Wortspielers sklavisch folgen.

So manche Gedankenspiele sind schlicht nicht für Jedermann nachvollziehbar, manches Statement  des Kopftieres Dan Pagenstecher  lässt sich nur kopfschüttelnd  zur Kenntnis nehmen. Macht nichts, tapfer sein, weiterlesen. Sprachwitz und der schmidttypische  bissige Humor garantieren immer auch intellektuelles Lesevergnügen;  wenngleich die spiessige Altherren-Erotik  ( „pornografisches Lachkabinett“ ) die Leserin  vermutlich nicht immer amüsieren wird…

Ein 18 Pfund schwerer Brocken , mehrspaltig gesetzt. Das Durchdringen dieses monströsen , wildwuchernden Wortdschungels erfordert mehr als eine Machete und es wird niemals, nirgends, nie alles gesagt und geschrieben sein zum Hauptwerk von Arno Schmidt.

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Bargfeld, seine Moore und Wälder, laden bei jeder Witterung zum Spaziergang ein, so werde ich hier in unregelmässigen Abänden neue  Bilder aus der Ostheide. einstellen.

Bargfeld Schauerfeld März 2018  / 2

Celle

Literatur

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