Zwischen Rittern und Feen

Rittergut Habighorst revisited

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Fotos:  März 2018 –  jml

A la recherche du temps perdu…

Das damals noch intakte und bewohnte Rittergut Habighorst – auf welchem der junge Celler Romantiker Ernst Schulze, „der junge Wohlklang“, manche Sommer mit Rittern und Feen verbrachte beim Studium von romantischen Romanen sowie der Schriften von Baron de la Motte Fouque, dessen Zeitgenosse er war, –  habe ich erstmals im Jahr 1954 kennengelernt.

 

Ich war seit 1954 Fahrschüler und fuhr täglich mit dem Bus des Kraftverkehr Celle zum Hermann-Billung-Gymnasium in die Kreisstadt Celle. So ergab sich durch die Busfahrten der Kontakt zu Christian Schmidt, dem Sohn des damaligen Verwalters des Rittergutes, das in diesen Jahren von der Firma Saatzucht Raddatz-Hufenberg bewirtschaftet wurde.

 

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Diese Freundschaft führte naturgemäß dazu, dass ich des öfteren auf dem Rittergut Habighorst meine Tage verbrachte. Die umgebende Natur und Landschaft  waren geradezu eine Einladung für uns damals zwölz- bzw. dreizehn Jahre jungen Burschen. Die alte Mühle an der Aschau, der Mühlenteich, die Wälder jenseits der Landstraße; überall  erwartete uns grenzenlose Freiheit.  Im Sommer war es eher die Regel als die Ausnahme, daß wir abends viel zu spät wieder im Gutshaus einliefen – nicht selten mir etwas zerrupfter, vom Waten durch die Aschau durchnässter oder auch zerrissener Kleidung; Dornen und Disteln gab es ja überall und die Brombeerhecken waren hoch und dicht. Der Lohn waren strafende Blicke und ein Teller Wurstbrote in der Küche.

 

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Die Sommermonate waren auf dem Rittergut immer die schönsten. Die erwähnten Brombeerhecken zerissen uns die Strümpfe oder dünnen Hemden und die Brombeeren sorgten für intensive Blaufärbung auf der Kleidung und im Gesicht – sie schmeckten einfach zu gut. Als wir dann der englischen Sprache etwas mächtiger waren – also so tertia, untertertia -saßen wir  nachmittags in den höchsten Laubbäumen am Waldrand und schmetterten lauthals unsere Lieblingshits in den blauen Sommerhimmel.

Es gab damals kleine Oktavheftchen mit dem schönen Titel „Meine Melodie“. Sie erschienen monatlich und boten die Texte der aktuellen deutschen und englischen Hits. Wir kauften sie regelmäßig, reichten doch unsere Englischkenntnisse bei weitem noch nicht aus, den gesungenen Text im Radio komplett zu entschlüsseln. Jazz, Beat und Rock’nRoll gaben damals bei uns den Ton an. Die vom knappen Taschengeld in Celle bei „Radio Dallmann“ in der Mauernstraße oder bei „Geigen Petzold“ am Markt erworbenen 45er Singles wurden behandelt  und gehandelt wie geweihte Gaben. Die Labels hiessen: Telefunken, Columbia Records, Decca, Coral, RCA, Storyville etc.

 

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In den Sommerferien arbeiteten auch wir Schüler für fünf Mark am Tag bei der „Saatzucht Raddatz“ im Zweigbetrieb in Scharnhorst bei Eschede. Wir setzten Setzlinge, topften Pflanzen um  und ein, transportierten die Holzkisten und standen stundenlang in den Gewächshäusern an den Pflanztischen. Außerordentlich beliebt waren wir Jungen bei den weiblichen Mitarbeiterinnen als ich mein frisch erworbenes kleines Kofferradio mitbrachte. Von nun an hatten wir die allerfeinste Musik , aus dem Gewächshaus wurde ein Treibhaus im wahrsten Wortsinn. Unsere englischen Hits waren bei den jungen Dorfschönheiten ja weitgehend unbekannt; sie wussten nicht einmal auf welchen Sendern man diese Musik empfangen konnte. Die gab es ja nur auf BFBS ( Britisch Forces Broadcasting Services) zu hören, Pflichtprogramm, wenn man mitreden wollte, war Samstagabends die Hitparade. Eine andere Sendung, die wir niemals und unter gar keinen Umständen verpassen durften war: „Musik aus Studio B“, moderiert von einem gänzlich unbekannten jungen Ex-GI namens Chris Howland  Donnerstagabends im Süddeutschen Rundfunk, nur  mit ausgesucht gutem Jazz und Rock’nRoll.

Aber auch die Politik und der Fortschritt kamen nicht zu kurz im Treibhaus: wir standen in den Herbstferien am Pflanztisch in Scharnhorst als in den Nachrichten am 4. Oktober 1957 der erfolgreiche Start des sowjetischen Sputnik gemeldet wurde. Der erste Satellit der Menschheitsgeschichte befand sich im Orbit. Whow ! Abends dann sah ich seine helle Leuchtspur über den Nachthimmel wandern.

 

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Angeregt durch die Mitteilungen der erst jüngst gegründeten Ernst-Schulze-Gesellschaft in Celle , dass der junge Ernst Schulze hier in den Sommern seiner Jugend einige Zeit verbracht hatte, habe ich das Rittergut Habighorst nun nach mehr als 60 Jahren einmal wieder aufgesucht, um den aktuellen Zustand des Anwesens zu erkunden , meinen Erinnerungen nachzuspüren und in Fotos festzuhalten. Der Verfall der alten Fachwerkgebäude wird leider nicht aufgehalten.

Der junge Dichter Ernst-Schulze aus Celle hatte hier  Anfang des 19. Jahrhunderts manche Sommer lesend in der alten Bibliothek verbracht, welche die adligen Besitzer besaßen; während der napoleonischen Besatzung wohl eher selten zu finden.

 

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Kurze Geschichte des Rittergut Habighorst

Im Jahre 1417 wurde Luderus von Habighorst mit dem Gut under Mühle (Quarmühle am Quarmbach-siehe Fotos unten) belehnt.

1589 gab es 2 Kötner sowie die Hasselmühle an der Aschau. Bis 1673 wurde nach dem Dreißigjährigen Krieg das Herrenhaus auf den Fundamenten eines abgebrannten alten Schlößchens erbaut.

1702 kam das Rittergut Habighorst an den  schottischen General Georg Ernst von Melville, der damals in hannoverschen Diensten stand.

Danach fiel es an die Familie von der Schulenburg, die es verpachtete.

Anfang des 19. Jahrhunderts verbrachte der Celler Dichter ERnst Schulze hier seine „Leseferien“ in den Sommermonaten. Sein Vater Ernt Friedrich Schulze war Verwalter des Rittergtes Habighorst.

 1945 zug der Oberst Hans-Henning von Gersdorff  ins Rittergut Habighorst. Er war der Adjudant des Generelfeldmarschall von Mackensen gewesen.

Nach 1945 bewirtschaftete die Saatzucht Raddatz-Hufenberg das Rittergut Habighorst.

Später gab es noch  eine Familie Thies auf dem Rittergut. In dieser Zeit verfiel das Gut, das  damals durchaus sehr beliebte und gut besuchte Ausflugslokal „Quarmühle“ verlor den Pächter und brannte irgendwann bei Nacht und Nebel ab. Bis dahin war es allerdings schon zu einer gewöhnlichen Kneipe herabgesunken…

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Abbildungen: juergen muegge-luttermann

 

Einige alte Fotos / Ansichtskarten der Quarmühle – Rittergut Habighorst:

 

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Ja, man konnte dort auch segeln ! Und Tretboot fahren.

 

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Bücher        Cellensia      Arno Schmidt

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